Zukunft der Wellness-Architektur – Ein Standpunkt
Wellness-Architektur hat zwei Ziele: einmal, die Gäste den Alltag vergessen zu lassen, indem man sie in eine „andere Welt“ versetzt, eine Welt die Wärme und Geborgenheit ausstrahlt, die fasziniert und beeindruckt.
Das andere Ziel ist, durch Material, Temperatur, Form und Farbe eine Umgebung zu schaffen, in der der Gast die eigene Nacktheit als natürlich empfinden kann. Je natürlicher ein Material, desto natürlicher empfindet der Benutzer sich selbst. Steht der Saunagast vor einer Felsendusche im Freien oder springt in das kalte Tauchbecken, kann ein Gefühl von „Adam und Eva im Paradies“ entstehen. Ein Gefühl das übrigens schon von den Vertretern der FKK (Freikörper) Kultur Anfang dieses Jahrhunderts gepriesen wurde. Die Wieder-Entdeckung der Sinnlichkeit in Zeiten von High-Tech und immer schneller werdender Kommunikation.
In anderen Wellness-Räumen wird der Gast in fremdartige Kulturen und Zeiten versetzt. In einem schön gekachelten sanft beleuchteten türkischen Bad wird ein Gefühl der „Märchen aus 1001 Nacht“ hervorgerufen.
Historische und kulturelle Vorbilder
Architektur ist Kommunikation. Neben dem Gebrauchs-Zweck, den sie erfüllt, hat sie auch symbolische Bedeutung. Diese ist individuell und von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden. So wird ein Türke mit einem Hamam-Bad ganz andere Gefühle und Assoziationen verbinden als ein Deutscher. Was assoziieren Deutsche mit der türkischen Badekultur?
Das Gefühl von Luxus spielt in vielen Bädern eine große Rolle. Man fühlt sich wie Kleopatra, der römische Kaiser oder die Prinzessin auf der Erbse – je härter die Arbeitswelt wird, desto lieber lässt man sich in solchen fremdartigen Räumen umfangen und zur Ruhe bringen.
Doch die historische Grundlage gerät bei einigen Planern für Wellnessanlagen in den Hintergrund. Es spielt in diesen Fällen nur noch eine untergeordnete Rolle, ob es sich um türkische, maurische oder japanische Formen und Zitate handelt. Die Architektur bedient sich der fremden Kulturen lediglich, um beim Gast immer wieder neuartige Faszinationen hervorzurufen.
Welchen Sinn haben japanische Zitate in einer Saunaanlage mit finnischen Saunakabinen und römischen Dampfbädern? Wer weiß schon etwas vom japanischen „Furo-Bad“? Häufig werden gar mehrere Kulturkreise zitiert und gemischt, so dass der Gast eine Multi-Kulti-Landschaft durchläuft, die eher an ein modernes Wellness-Disneyland erinnert.
So wie auch die Märchenbücher der Kinder verschiedene Seiten und Bilder aufweisen, wandert der Wellness-Gast durch moderne Märchen-Welten. Mit Japan assoziieren wir beispielsweise Damen in seidigen Gewändern, die eine Verbeugung vor uns machen. Geishas mit Schlitzaugen, die sicher nicht die finnische Sauna besuchen.
Was ist Kitsch?
Dadurch wird die Grenze zum Kitsch manchmal fließend. Kitsch entsteht durch die Überfrachtung von Symbolen und Bedeutungen. Werden zu viele Traditionen und Stile gemischt, wirkt die Architektur paradox. Es ist anzunehmen, dass solche Architektur-Trends wie Moden der Möbel- oder Kleidungs-Industrie vergehen, weil den Symbolen keine wirklichen Inhalte zugeordnet werden können. Die bloße Faszination der „fremden Welt“ ist so kurzlebig wie die Pappmaschee-Welt einer Filmkulisse.
Es gibt jedoch Wege und Vorbilder, auch in der Wellness-Architektur zeitlose Werte zu schaffen.
Besteht eine inhaltliche Schlüssigkeit, die mit der Badekultur, oder noch ursprünglicher, mit dem Gefühl von Natur zu tun hat, kann diese Symbolik so zeitlos sein, wie ein guter Anzug aus Schurwolle, der nie aus der Mode kommt. Ein rein finnisches Saunadorf oder ein rein türkisches Hamam, ein original historisch gestaltetes römisches Bad sind in sich schlüssig. Anwendung, kulturelle Tradition und Architektur passen zusammen.
Große Freizeitanlage argumentieren, dass sie bei einer immer breiter breiten werdenden Zielgruppe gezwungen sind, Badeformen unterschiedlicher Kulturkreise zu mischen. Der Kompromiss bedeutet, die verschiedenen Themenbereiche stilrein zu halten, so dass der Kunde von Kulturwelt zu Kulturwelt wechselt.
Trotzdem wird der Türke mit dem türkischen Bad Anderes assoziieren als der Deutsche. Die Finnen amüsieren sich über die finnische Saunakultur in Deutschland, weil sie privat zu Hause und getrennt nach Geschlechtern saunieren. Doch es gibt Möglichkeiten, das Verständnis für die fremde Schwitz oder Badekultur zu wecken oder zu vertiefen. Arbeitet im Hamam ein türkischer Tellack (Hamam-Meister), wird er von seiner Kultur berichten und etwas davon vermitteln. Man kann die finnische oder russische Saunakultur studieren und den Gästen vermitteln. Selbst vergangene Badekulturen wie die Römische, können schlüssig werden, wenn sie vermittelt werden. Kann man Baderituale nachahmen ohne sie zu verstehen?
Auch modern gestaltete Bäder, in denen es gelungen ist, durch Farben und Material Behaglichkeit herzustellen, sind zeitlos. Lediglich zu kühle Kacheln und Farb- und Lichtgestaltung werden hier verändert werden müssen.
Last not least: kleinere Saunabetriebe leben häufig von der Persönlichkeit des Betreibers. Ähnlich wie beim Wein, wird hier Sauna nicht einfach verkauft, Sauna ist für diese Betreiber und Badleiter eine Lebensphilosophie. Architektonische Feinheiten treten dann in den Hintergrund, denn die „Seele“ der Anlage ist die Individualität des Betreibers.
Regionale Authentizität
Bedeutung hat ebenso die regionale Authentizität. Wellness-Hotels und Thermen spezialisieren sich heute und stellen regionale Bezüge her. Stammt das Thermalwasser oder die Sole aus dem eigenen Boden, ist das Bad authentischer; ein Kraxl-Ofen oder Heubad wirkt im Bayrischen anders als an der holländischen Grenze. Man entdeckt hier die eigenen Traditionen neu und braucht gar nicht in die Wellness-Ferne schweifen - denn das Gute liegt manchmal so nah.
Das bedeutet gleichzeitig einen wichtigen Nutzen für deutsche Ferienregionen, um die Erholungssuchenden wieder in heimische Urlaubsgefilde zu locken.
Werden die Wellness-Bedürfnisse der Gäste als Bedürfnis nach „echter Badekultur“, nach Gesundheit und Natur ernst genommen, sind sie trendunabhängig. Der Wellness-Boom wird nicht abebben, wie Fachleute befürchten, sondern irgendwann um seine nicht-authentischen modischen Anteile reduziert werden. Ein wellnessorientierter Lebensstil, („genussvoll und gesund leben“) wird auch im Alter nicht abgestreift und von der nächsten Generation modifiziert übernommen werden.
Ein „echter“ Saunafan wird an seiner Sauna-Leidenschaft lebenslang festhalten.
Sie ist Teil des Lebensstils geworden: Badekultur wird zur Lebenskultur.
(Über die Wirkungen verschiedener Badeformen auf die Gesundheit wird heiss+kalt in den nächsten Ausgaben berichten.)
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