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z.B. Sauna statt Stress

Wenn Männer sich Gutes tun

 

„Männer entdecken Wellness“ – das kann man (oder frau) überall lesen. Eine Google-Suche „Männerwellness“ ergibt: Viele Hotels oder Spas bieten heute Packages oder Kuren speziell für Männer. Da gibt es natürlich Sport (Golf, Tennis, Fitness etc.) kombiniert mit Wellnessanwendungen oder statt eines Kleopatra-Bades ein Bier-Bad. Das Ambiente soll schlichter und weniger kitschig sein, darüber ist man sich einig, die Männer mögen es nicht ganz so emotional.

 

So weit so gut. Das alles gäbe noch kein Titelthema und wäre noch nicht wirklich spannend, wenn wir den Hintergründen und Ursachen nicht auf den Grund gehen würden: Welche Bedeutung hat es, dass Männer sich zunehmend an Wellness annähern? Wie gehen Männer mit Ihrer Gesundheit und mit ihrem Körper um? Wie groß sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

 

Und was heißt eigentlich „Männlichkeit“ oder „Mann-Sein“ heute? Sind die Männer, die sich für Wellness interessieren, auch die „Neuen Männer“ wie Frauen sie sich seit Jahrzehnten erträumen? Den historischen Wandel des Körperbildes von Männern hat Peter Kropka in einem spannenden Hintergrundbericht beschrieben. Zum sich ändernden Bild von Männlichkeit interviewten wir Prof. Gerhard Vinnai von der Universität Bremen. Und wer den Männer-Wellness-Boom letztlich heraufbeschworen hat, erläutert Ulla Robbe in einem Kommentar

 

Lesestoff gibt es dazu reichlich: Nicht im großen Buchladen, wo man unter der Abteilung „Männer“ meist nur Flirt- oder Sex-Tipps findet. „Männer greifen bei Problemen weniger zum Buch als Frauen“, kommentiert die Buchhändlerin den mageren Bestand im Regal. Wie schade! Dabei gibt es zum Thema erstklassige Fachbücher wie auch Ratgeber, aus denen wir Ihnen hier zitieren und am Schluss in den Buch-Tipps kurz beschreiben.

 

Am Anfang war …

 

… der Körper. Wer wissen möchte, wie Männer mit Gesundheit und gesundheitlicher Vorsorge umgehen, muss das Verhältnis der Männer zum eigenen Körper betrachten. Dazu stellten bis vor kurzem alle Untersuchungen einstimmig fest, dass Männer ein funktionelles Verhältnis zu ihrem Körper haben. Er sei einfach „da“, und er soll in erster Linie funktionieren. Sabine Niederöst beschreibt dies so anschaulich, dass ich sie ausführlich zitieren möchte:

 

„Etliche Studien belegten, dass Männer ein instrumentelles Verhältnis zu sich selbst haben. In einer Studie von Dieter Bongers wurden Männer nach ihrem Körperselbstbild befragt. Die Ergebnisse zeigten, dass sie ein oberflächliches Verhältnis zu ihrem Körper haben und ihr Verhältnis unpersönlich ist. Der Körper ist einfach „da“. Beinahe fatalistisch nehmen die befragten Männer den Körper so wie er ist. In Bezug auf Leistungsfähigkeit sehen die Männer den Körper oft als Gegner, nämlich, wenn er die erwartete Leistung nicht erbringt.“

 

Während bei Frauen der Körper für die eigene Identität eine große Rolle spielte und sie sich jahrhundertelang verschiedenen Schönheitsidealen (vgl. letzte Ausgabe zum Thema Schönheit) unterwerfen mussten, spielte dies für Männer traditionell keine große Rolle. Der Körper soll in erster Linie Leistung bringen. Viele Werbefeldzüge von Wellnesshotels greifen diesen Gedanken in ihren Kampagnen auf: Männer möchten ihre Leistungsfähigkeit erhalten und werden aufgefordert, aus diesem Grund das Wellness-Paket zu buchen.

 

Aber geht es denn nur um Leistung? Geht es neben der Erholung nicht auch um Glück, den eigenen Körper neu zu entdecken, Haut neu zu spüren, Düfte neu zu riechen? So könnte das Thema „Männer und Wellness“ doch auch für einen Kultur-Wechsel stehen. Saunabäder und Wellnessanlagen tragen zu dieser Änderung bei. Als es vor einigen Jahren trendy wurde, Honig oder Salz in der Sauna oder im Dampfbad zu reichen, gab es Männer, die das erste Mal bewusst ihren Körper einrieben. Und wer spürt, wie weich sich danach die Haut anfühlt, hat vielleicht ein anderes Mal auch Lust, sich mit Ölen oder Lotions einzucremen …

 

Neue Männer – neue Körper?

 

Das Bild von Männlichkeit ändert sich heute gravierend. Von den sich wandelnden Rollenvorstellungen zwischen Männern und Frauen profitieren beide Geschlechter gleichermaßen – andererseits bringt es auch Verunsicherung und sich widersprechende Anforderungen mit sich. So wie die moderne Frau heute erfolgreich im Beruf, sexy zu Hause sein soll und nebenbei noch Haushalt und Kinder schmeißen soll, sollen auch Männer gleichzeitig auch mit Ellbogen Ihre Karriere im Beruf verteidigen und zu Hause emotional einfühlsame Väter und Ehemänner sein.

 

Wellness ist auch die Suche nach sich selbst, nach neuen Bildern von Identität. Der Bezug zum Körper stellt dabei eine Hilfestellung dar – insbesondere wenn Körper und Seele – wie es so schön heißt – dabei verbunden werden.

 

Mit dem sich ändernden Bild von Männlichkeit modifiziert sich auch das Verhältnis von Männern zum eigenen Körper und ihr Verhältnis zu Gesundheit. Auf dieses sich ändernde Bild gibt es nach Sabine Niederöst gerade bei jüngeren Männern zwei Reaktionen: Die eine (kleine) Gruppe möchte wieder das echte Mann-Sein heraufbeschwören, ihre Anhänger ordnen sich dem biologistischem Mannsein unter oder sind beispielsweise Anhänger von archaischen Initiationsriten. Die anderen sind oft (wenn sie nicht ganz in Computerwelten eintauchen) Anhänger des neuen Fitness-Booms. Ihnen geht es nicht nur um Gesundheit, sondern auch Ästhetisierung und Darstellung des Körpers, neue Schönheitsideale gelten nun vermehrt auch für diese Generation jüngerer Männer.

 

Auch diese sportlich-aktive Beschäftigung hat zwei Seiten. Es ist keine Seltenheit mehr, dass Männer sich genauso harten Schönheitsidealen unterwerfen wie Frauen, und nicht nur pubertierende Mädchen, sondern teilweise auch Jungen magersüchtig werden. Andererseits ist die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und mit der eigenen Gesundheit für Männer dringender notwendig als die meisten glauben.

 

Warum Frauen länger leben …

 

So gibt die Lektüre der u. g. Bücher eine alarmierende Statistik nach der anderen wieder: Vor dem 35. Lebensjahr sterben dreimal so viele Männer wie Frauen. Zwischen 45 und 64 ist die Sterblichkeit von Männern immer noch doppelt so hoch wie die der Frauen, und unter dem Strich leben Frauen in den westlichen Ländern circa sechs Jahre länger als Männer. Die Geschlechter nähern sich hier zwar langsam an, aber es wird in diesem Tempo noch einige hundert Jahre dauern, bis sie sich völlig angeglichen haben. Es gibt hierfür verschiedene soziale, psychologische und auch einige wenige biologische Faktoren.

 

Wer Wellness als „lustvoll gesund leben“ begreift, wird sich nun dafür interessieren, wie sich das Gesundheits-Vorsorge-Verhalten von Männern und Frauen unterscheidet. Gabriele Fischer schreibt dazu:

 

„Generell pflegen Frauen einen gesundheitsbewussteren Lebensstil als Männer, was sich in der Ernährungsweise, im Umgang mit Stress, in der Inanspruchnahme von gesundheitsfördernden Maßnahmen und im Vorsorgeverhalten ausdrückt. Männer definieren Gesundheit häufig im engsten Sinn des Wortes nämlich als Abwesenheit von Krankheit. Die Funktion steht im Vordergrund. Das behindert die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und erst recht von Beschwerden. Erst wenn die Symptome schwerwiegend sind gehen sie zum Arzt (manchmal zu spät).“

 

Männer leben gefährlich

 

Der Mann geht (rein statistisch gesehen, versteht sich) also häufig zu spät zum Arzt und nimmt weniger Vorsorge-Angebote der Krankenkasse wahr. Was vielen unbekannt ist: Entscheidend für die Statistik ist außerdem der Bereich des Risikoverhaltens. Männer sterben weit häufiger als Frauen an Unfällen oder Alkohol-, Nikotin und Drogensucht. Hinzu kommt sicher auch die Arbeits-Sucht, die vielerlei gesellschaftliche Ursachen hat.

 

Männer – in Bewegung

 

Viele Männer sind sportlich aktiv. Und doch: Fast die Hälfte aller Männer haben Übergewicht, die deutschen Männer sind sogar die dicksten Europas. Typisch männlich ist es jedoch, auch hier zu sehr auf Leistung zu setzen. Gerade ältere Männer sollten es mit der Kraftanstrengung nicht übertreiben und lieber den Weg der kleinen Schritte gehen:

 

 „Bewegung – wenn Sie in diesem Bereich zu spät zu viel lernen wollen, kann das für Ihren Körper sogar Gift sein. Wenn Grundschnelligkeit und Schnelligkeitsdauer mehr oder weniger ohne Sauerstoff auskommen, werden in Ihrem Körper viele freie Radikale produziert. Dadurch kommt es zu Gewebsschädigungen und zu vorzeitigen Altersprozessen. Deshalb sollten Männer, die diese Art Trainigs nicht von Jugend an gewöhnt sind, im Alter auf solche Trainigsformen verzichten. Männer gehen zu selten den Weg der kleinen Schritte, der viel früher zu mehr Gesundheit führen würde. Nächste Woche will ich aussehen wie der Typ in der Unterhosenanzeige! Also werden Eisenscheiben auf die Hanteln gepackt, die viel zu schwer sind, Waldläufe unternommen, die viel zu lang sind, und chromblitzende Rennräder gekauft, die sie kaum steuern können.“

 

Auch dies Zitat zeigt sehr schön, warum Wellness gerade Männern guttun kann. Ist es wirklich unmännlich, einen gelenkschonenden Aqua-Fitness-Kurs oder einen Qi-Gong-Kurs zu besuchen? Gerade die sanften Methoden können nicht nur sport-ungewohnten Männern guttun.

 

Mann ist was mann isst.

 

Männer essen doppelt so viel Fleisch wie Frauen. Wer sich diesen Satz „auf der Zunge zergehen lässt“, kann sich vorstellen, dass dies der Gesundheit nicht unbedingt zuträglich ist, zumindest dann, wenn Männer keiner körperlich schweren Arbeit mehr nachgehen. „Männer bevorzugen vor allem jene Gerichte, die stark gewürzt und „sättigend“ auf den Tisch kommen. Mit einem größeren Energiebedarf allein lässt sich das nicht erklären.“ Schreibt Gabriele Fischer, und auch sie gibt viele Tipps für Wellnessfreunde.

 

Weitere Ernährungs-Tipps:

  • Männer neigen dazu, auch abends spät noch deftig zu essen, das strapaziert den Verdauungstrakt, Herz und Kreislauf. Die Hauptmahlzeiten sollten morgens und mittags eingenommen werden.
  • Sie konsumieren zu viel Salz, Zucker und Fett. Tierische gesättigte Fettsäuren sollten durch ungesättigte ersetzt werden,
  • Durch Vollkornprodukte, Fisch, Knoblauch und mehr Obst lässt sich das Risiko eines Herzleidens senken.
  • Hohen Blutdruck kann man durch Kalium senken (z. B. Banane, frischer Orangensaft)

Warum ist es für alle (natürlich auch für Frauen) so schwierig, die Ernährungsgewohnheiten zu ändern? „Beim Essen geht es um weit mehr als um Nahrungsaufnahme. Es geht um Genuss, Prestige, Identifikation mit sozialen Gruppen, usw. Was wir essen, hat auch immer damit zu tun, mit wem, wann, wie und warum gegessen wird“, so Gabriele Fischer. Die Einflüsse auf unser Essverhalten sind unterschiedlicher Art.

Stress, Stress, Stress

Männer leiden unter Stress aus vielerlei Gründen. Während Frauen teilweise unter der Doppelbelastung (Arbeit und Hausarbeit) leiden, ist es bei Männern die Verantwortung durch die Familie, die sich ständig ändernden Arbeitsbedingungen, die Angst vor Arbeitslosigkeit (gerade in Krisenzeiten), die sie anfällig für Burnout und stressbedingte Krankheiten machen.

Es gibt jedoch auch psychologische Aspekte: So fällt es vielen Männern schwerer, über ihre Probleme zu sprechen, sie haben weniger „echte Freunde“ und sind so auch emotional abhängig von ihrer Partnerin. Wieder eine Statistik: Witwer sterben in den ersten vier Jahren nach dem Tod der Partnerin doppelt so häufig wie Witwen. Sportvereine und Stammtische bieten zwar ein soziales Netz, solange alles in Ordnung ist, aber selten einen Ort, um Lebensprobleme zu besprechen.

Weiterhin nehmen Männer weniger ärztliche Hilfe und Therapien in Anspruch (zwei Drittel aller Therapien werden von Frauen wahrgenommen).

Viele Wellness-Handbücher und Stress-Ratgeber bieten hier so wertvolle „Tipps“ wie „machen Sie mal eine Pause“ oder sie empfehlen die bekannten Entspannungstechniken. Sicher ist Autogenes Training oder Yoga auch gerade für Männer sinnvoll. Warum das aber oft nicht ausreicht, sondern auch die Ursachen von Stress bearbeitet werden müssen, beschreiben wir in der Serie über Burnout auf Seite …

In der Statistik verschwinden natürlich viele Unterschiede und jeder (Mann) unterscheidet sich vom anderen.

Was Männer aber von ihren wellnessbegeisterten Frauen und von Wellness-Fachleuten lernen ist dies: den eigenen Körper und die Seele ernstzunehmen. Sich selbst – gerade in schwierigen Zeiten – liebevoll zu behandeln und auch einmal „die Seele baumeln zu lassen“, wie es in vielen Werbeprospekten so schön heißt. All dies kann man in jeder schönen und ruhigen Wellness-Anlage üben. Aber auch begeisterte Saunafreunde sollten sich die Wellness-Philosophie zu Herzen nehmen: weniger ist mehr. „Je heißer der Aufguss, desto besser für den Körper“ ist ein weitverbreiteter Irrtum.

Die Wellnesskultur wendet sich den Männern zu. Männer verändern sich selbst ebenso wie sie auch die Wellnesskultur verändern. Ein Aufbruch, der auch in schlechten Zeiten möglich ist, und neue Perspektiven für Partnerschaften und Liebe ermöglicht.

 

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