Aufgüsse und die Psychologie der Düfte
Seit einigen Jahren ist ein wahrer Aufguss-Kult in deutschen Saunabädern zu beobachten. Was einst ganz harmlos mit ein wenig Eukalyptus-Duft anfing, wird heute zur wahren Duft-Orgie verschiedenster Düfte, die außerdem noch in sich gemischt werden können. Ein Spaziergang auf einer Blumenwiese oder im Wald ist nichts gegen die Vielzahl an Düften, die hier zusammengemischt und variiert werden.
Aber auch in Wohnzimmern und öffentlichen Orten nehmen machen sich Duftlämpchen und Duftvernebler breit – eine Chance zum Wohlgefühl.
Natürlich sind nicht alle Düfte für jeden gleich angenehm, das ist im wahrsten Sinne des Wortes „Geschmackssache“.
Denn Düfte und Gerüche treffen unmittelbar die Emotionen der Menschen, es heisst nicht von ungefähr „Den kann ich nicht riechen“. Und bei einer neuen Liebe ist „Du riechst gut“ das wichtigste Kompliment von allen. Woran liegt das?
„Die Nase ist das einzige Sinnesorgan, das seine Impulse direkt zum ins Gehirn leitet, ohne dass noch andere Nervenzellen dazwischengeschaltet sind“. Düfte erzeugen blitzschnell ein Gefühl,z.B. Freude oder Ekel.
In Duftlämpchen eingefüllt sollen Düfte so das Gefühl je nach Stimmungslage beeinflussen, bei Aufgüssen sollen sie eine angenehme Stimmung hervorrufen.
Szene aus dem Aufguss
Es wird schon eng auf den Bänken und kurz vor der vollen Stunde macht sich eine gewisse Vorfreude breit. Der Saunameister öffnet die Tür und stellt sich vor. Saunameister? Man möchte ihn so bezeichnen, auch wenn er vielleicht nicht die Saunameister-Ausbildung des DSB absolviert hat. Aber sollte man ihn einfach „Saunapersonal“ nennen? Das wäre gefühllos. Also nennen wir ihn oder sie einfach Aufguss-Meister. Das erinnert nicht nur an Handwerksmeister, sondern auch an den Meister, der einen den Weg lehrt, den Meister aus
Schwitzen heilt ja Körper und Seele.
Es wird still, wenn er die Kelle mit Wasser füllt und bedächtig das Wasser über den Ofen gießt. Ein Ritus. Manchmal wird gekichert, manchmal ist es so still wie in der Kirche. Alle genießen die aufsteigende Hitze, es wird einmal tief geatmet und geseufzt. Alle sind nackt, alle schwitzen gemeinsam.
Wenn gewedelt wird, freut man sich über den Schwung, den das Handtuch nimmt. Vielleicht noch vergleichbar mit dem Fahnenschwingen einer Prozession betrachten alle seine körperliche Bewegung, bewundern seine Fähigkeiten in der Hitze und genießen das eigene Stillhalten.
Man reinigt Körper und Seele. Die unangenehmen Dinge des Alltags fallen ab. Man klatscht am Ende vielleicht wie nach einer Vorstellung, bedankt sich fürs Ritual.
Wird der Aufguss heute zum Happening der modernen Badekultur?
Viele glauben, sie würden ohne Aufguss nicht so gut schwitzen und es würde die gesundheitliche Wirkung verstärken. Doch das ist ein Irrtum.
Wir wirkt denn nun ein Aufguss auf den Körper?
Durch das Aufbringen des Wassers mittels Schöpfkelle auf die heißen Steine des Saunaofens steigt die Luftfeuchtigkeit sprunghaft an. Daraus resultiert ein
Niederschlag von Kondenswasser auf der Haut des Badenden. Dies bewirkt einen zusätzlichen Hitzereiz, da die Haut nicht mehr schwitzen kann. (Nasse Haut
schwitzt nicht gut!) Zusätzlich wedelt der Saunameister in den meisten Saunen jetzt noch mit seinem Handtuch.
Erst fächelt er den Badenden vom Ofen die aufsteigende, jetzt noch heißere und feuchtere Luft zu. Als nächstes wird der Saunameister das Handtuch an der Decke drehen, damit wird bewirkt, daß die nach oben steigende, heiße Luft nach unten auf die Badegäste gelenkt wird. Danach werden die Gäste noch „abgeschlagen”. Bei diesem Ritual wird das Handtuch vor jedem Badegast schnell nach unten geschlagen. Dieses bewirkt, das die Isolierschicht auf der Haut (ein Luftpolster, das uns vor Temperaturschwankungen schützt), weggerissen wird, wodurch der Badende einem noch größeren Hitzereiz ausgesetzt ist.
Während des Aufgusses die Saunakabine zu betreten ist nicht gewünscht, verlassen werden sollte sie nur aus gesundheitlichen Gründe. Das Öffnen der Kabinentür stört nicht nur die Zeremonie, auch das mühsam aufgebaute Raumklima aus Temperatur und Feuchtigkeit wird zunichte gemacht. Insofern sollte man sich vorher überlegen, ob man am Aufguss teilnehmen möchte oder nicht – und auf welcher Bank man sitzen sollte. Wer sich nicht so fit fühlt oder schon vorher zu lange in der Saunakabine gesessen hat, sollte diese aus Rücksicht auf die anderen die Kabine lieber vor dem Aufguss verlassen!
(Rolf Morlock, Ausschnitt aus dem Buch: Wellnessoasen in Deutschland) |
Der Aufguss bewirkt einen besonderen Hitzereiz, einen Kick. Aber alle positiven Wirkungen des Saunabadens stellen sich auch ohne Besuch des Aufgusses ein. Wer also mal wieder keinen Platz bekommt oder wem es zu eng wird, der sei getröstet: einmal mal wieder richtig trocken saunieren ist auch schön. Und in der trockenen Sauna ist meist auch genügend Platz und Ruhe.
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Faszinierend sind heute die Düfte, die uns der Aufgussplan verheisst.
Neben den Menthol-, Eukalyptus und Minz-Klassikern gibt es heute eine Vielzahl von fruchtigen oder exotischen Mischungen, von Weihnachts- oder Slivovic-Mischungen. Erwiesen ist dabei während eines Aufgusses nur die Wirkung der Minze oder des Menthols auf die Atemwege, alle anderen Mischungen wirken nach Ansicht von Fachleuten einfach mehr oder weniger angenehm. Um Aromatherapie handelt es sich nicht..
Die Phantasie der Saunameister und der Hersteller findet immer neue Duftstoffe, der Boom nimmt kein Ende. Nur wenig wissen die Gäste dagegen darüber, was der Sauna-Angestellte genau in seinem Eimer trägt. Tränende Augen oder rote Haut, allergische Reaktionen nach dem Aufguss zeugeng manchmal davon, das man es mit dem Duft zu gut gemeint hat, oder evtl. ein sog. „Billigprodukt“ verwendet wurde.
Für die Qualität der Aufgussmittel ist einmal entscheidend, welche Rohstoffe verwendet wurden. Kenner bevorzugen naturidentische oder natürliche Stoffe, aber auch hier kommts auf die Qualität an. Die Unterschiede sind etwa so groß wie die zwischen einem billigen Fusel und einem edlen Grappa, der jahrelang gelagert wurde. Ähnlich sind die Preisunterschiede.
Ein anderes Merkmal ist, ob nur sog. IFRA-geprüfte Rohstoffe verwendet wurden. Dies gibt eine gewisse Sicherheit in Bezug auf Chemikalien, allergische Reaktionen sind seltener. Werden synthetische Stoffe in geringer Menge für die Stabilisierung zugesetzt, können sie in geringer Menge vertretbar sein (ähnlich einer Bluse aus Baumwolle und Polyester: eine geringe Menge Polyester ist durchaus angenehm, weil man die Bluse nicht so oft bügeln muss). Bei rein synthetischen Produkten unbedingt auf die Qualität und die Reaktion der Gäste achten.
Kleiner Leitfaden:
Natürliche Stoffe – wird ein Aromastoff aus pflanzlichen oder tierischen Substanzen hergestellt, wird er als „natürlicher Aromastoff klassifiziert. Allerdings wäre z.B. ein natürlicher Rosenduft nicht bezahlbar, die Ressourcen sind begrenzt. Weltweit werden jährlich 8 Tonnen natürliche Vanille produziert, dagegen 800 000 synthetische.
Naturidentische Stoffe
Es wurde entdcekt, das man die chemische Struktur eines natürlichen Stoffes exakt kopieren kann. „Natürlich“ und „naturidentisch“ können hinsichtlich Geschmacks und chemischer Struktur nicht voneinander unterschieden werden. Ob die Wirkung auf den Körper ebenso gleich ist, ist umstritten.
Leider ist es vom Gesetzgeber nicht vorgesehen, zwischen natürlichen und naturidentischen Stoffen zu unterscheiden. Wird ein Produkt mit „rein natürlich“ bezeichnet, handelt es sich daher meistens trotzdem um naturidentische Stoffe (Ausnahme z.B. Eukalyptus, das in der Natur reichlich vorhanden ist)
Synthetische Stoffe
Wissenschaftler können die Moleküle verändern wie einen Baukasten, um den Geschmack oder Duft zu verändern. Zahlreiche Aufguss-Aromen kommen in der Natur gar nicht mehr vor. Unser Geruchs- und Geschmacks-Sinn ist allerdings schon gewöhnt an viele dieser Aromen und empfindet sie als sehr natürlich.
Wie in vielen neu entstehenden Industriezweigen hinkt der Gesetzgeber mit einer Aufklärungspflicht hinterher. So gibt es viele Aufgussmittel, auf denen die Inhaltsstoffe nicht präzise beschrieben sind. Ein „Beipackzettel“ wie bei Lebensmitteln und Kosmetik wäre sehr wünschenswert. Meist sind auch dem Saunapersonal die genauen Inhaltsstoffe nicht bekannt. Man sollte sich erstens von Herstellern genau aufklären und beraten lassen, zweitens die Produkte am Kunden testen.
Oft können gerade die sich auf Ihre Nase verlassen.
Und: weniger ist mehr. Von einem hochwertigen Duft benötigt man nur die Hälfte der Menge, manche behaupten sogar ein Drittel.
Manche lösen das Problem der Orientierung im großen Duftmarkt auch so: Bleiben Sie einfach bei den bekannten Produkten, exotische Düfte sind manchmal auch Modeerscheinungen, die wieder verschwinden.
Und mit der finnischen Sauna auch nicht viel zu tun haben.
Worauf Saunapersonal achten sollte:
- Aufgussmittel nie länger als ein viertel Jahr stehen lassen, gerade ätherische Öle verdunsten sehr schnell. Lassen Sie sich durch großen Mengenrabatt dazu nicht verführen.
- Prüfen Sie genau, ob die gelieferte Ware mit den vorher versandten Proben übereinstimmt. Auch hier gibt es schwarze Schafe.
- Lautet die Aufschrift „natürliches ätherisches Öl“, der Preis entspricht aber einem Billig-Produkt ist Skepsis geboten.
- Die Wassermenge sollte genau der vom Deutschen Saunabund empfohlenen Menge (10-15 mg pro Quadratmeter) in der Saunakabine entsprechen. Unbedingt vorher genau abmessen, keinesfalls mit dem Fläschen auf Gutdünken eine gewissen Menge auf die Kelle tröpfeln.
- Bei synthetischen Aromen wird häufig eine viel größere Menge an Duft benötigt. Achten Sie genau auf die empfohlene Dosierung. Vorsicht bei hochwertigen Produkten: testen Sie erst mit einer ganz geringen Dosierung.
- Lassen Sie sich vom Hersteller die genaue Zusammensetzung der Aufgussmitteln angeben.
- Es gibt allergische Reaktionen von einzelnen Personen, die gegen bestimmte Öle allergisch sind. Auch dies ist ein Grund, zu Beginn die genaue Zusammensetzung des Aufgusses anzusagen und vorher anzuschreiben.
- Weniger ist mehr: lassen Sie sich von allzu tapferen Gästen nicht zu sehr starken und zahlreichen Aufgüssen verleiten. Schließlich sollte doch immer noch die Gesundheit aller im Mittelpunkt stehen.
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