Riechen, Schmecken und Erleben
Ein Bad Hindelang-Urlaub ist ein Wellness-Erlebnis für alle Sinne
(mf) „Wenn Kneipp heute leben würde, würde er den Menschen raten, Nordic Walking zu erlernen oder Mountainbikes zu benutzen, anstatt Holz zu hacken.“ Max Hillmeier ist Kurdirektor des Kneipp-Heilbades Bad Hindelang und zeigt begeistert den Kneipp-Kurgarten „Prinzegumpe“ im idyllischen Oestrachtal. Die Kneipp-Anlage mit Naturbadeteich, in der im Sommer das reinste Badevergnügen herrscht und im Winter Eisgelaufen wird, gehört mit dem Wasserfall aus den Bergen sicher zu den schönsten in Deutschland. Hillmeier weiß wovon er spricht, denn in Bad Hindelang kann der Besucher vieles verbinden: Kneippen, Nordic Walking, Bergsteigen und Wandern, Skifahren und Wellness – und vieles mehr.
Wer nicht nur Harmonie zwischen Körper und Seele, sondern auch Harmonie zwischen Mensch und Natur erleben will, ist in Hindelang und Umgebung genau am richtigen Ort. Das vielfach ausgezeichnete Modell „Natur & Kultur“ ist keine modische Öko-Erscheinung, sondern hat seine Wurzeln in der jahrhundertealten Bodenständigkeit der Bergbauern. Bereits 1992 schlossen sich sämtliche Landwirte Hindelangs zu dem Verein „Hindelang – Natur & Kultur“ zusammen, und verpflichteten sich vertraglich, auf Kunstdünger und häufiges Mähen zu verzichten.
Die Ergebnisse kann man riechen, schmecken und erleben. heiss+kalt-Herausgeberin Martina Frenzel ließ sich vom Heimatpfleger Albert Wechs die Geschichte des Prinzregenten Luitpold und der Jagd erzählen und ging mit der Kräuter-Expertin Doris Kratzer auf eine Wanderung zu den „100-Kräuter-Wiesen“. Stephan Siemens ließ sich von Stefan Bentele und seinem integrierten Öko-Tourismus-Konzept beeindrucken.
Lächelnde Kühe
Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann fängt das Bewusstsein auf einer Kräuterwiese an zu schweben. Oder vielleicht auch zu lächeln.
So wie Doris Kratzer, die durch ihren Vater, den Apotheker von Hindelang, zur Blumen- und Kräuterexpertin wurde und dann in der Apotheke arbeitete. „Ich bin immer so dankbar, dass meine Eltern hierher gezogen sind“, sagt sie lächelnd. „Hier ist jeder Winkel so schön, dass man gar keine schlechte Laune haben kann.“
Und wenn doch einmal Regen oder schlechte Stimmung im Anflug ist, ist dagegen sicher ein Kraut gewachsen. Eines der – wie es heißt – 100 Heilkräuter, die auf den Wiesen noch wachsen. Durch den ökologischen Anbau werden viele Kräuter und Blumen erhalten, die in anderen Gegenden längst ausgestorben sind. Mehr als vierzig Orchideenarten werden gezählt. Nur einmal im Jahr wird gemäht, teilweise sogar noch per Hand, damit nichts eingeebnet werden muss.
Das beeinflusst selbst die grasenden Kühe, die nun, da nicht mehr künstlich gedüngt wird, weit weniger Medikamente benötigen als früher. „Wenn unsere Kühe das fressen, dann fressen sie pausenlos Heilkräuter“, meint Doris Kratzer und erklärt einige von ihnen.
„Dies ist Spitzwegerich, das war eines der Lieblingskräuter von Herrn Kneipp“, erklärt die Kennerin, die täglich morgens Tau tritt oder im Schnee läuft, und damit im wahrsten Sinne des Wortes in Kneipp´sche Fußstapfen tritt. „Spitzwegerich ist vitaminreich, löst Husten, wirkt entzündungshemmend und kann daher auch gegen Insektenstiche verwendet werden.“
Schon als Kind musste sie für die väterliche Apotheke Wurzeln suchen, als es in Kriegszeiten keine Medikamente gab. Keine schöne Aufgabe damals, da die Landwirte nicht begeistert von den Erkundungszügen der Kinder waren. Heute dagegen ist sie anerkannte Expertin, die das Hindelanger Blütentelefon laufend aktualisiert. Unter dieser Telefonnummer kann man erfahren, welche Blumen und Kräuter gerade in den Hindelanger Bergen und Tälern zu finden sind.
Neben Baldrian und vielen anderen Kräutern wächst auch Wundklee. „Wundklee wurde zu Salben verarbeitet. Außerdem wurde er den Babys aufs Taufkissen gelegt, um Unheil von ihnen abzuwenden, eine Art Zauberkraut.“ Begleitet von diesen Mythen suchen auch wir, was alle in den Bergen suchen: echten Enzian. Die alte Salzstraße von Bregenz nach Tirol spazierend finden wir schließlich die Blume, deren Klugheit gepriesen wird. „Die Enziane können bis zu sechs Mal am Tag auf und zu gehen, sie reagieren auf Feuchtigkeit, Hagel und Wind“, erklärt Doris Kratzer. „Sie haben im Inneren ihren Nektar, den sie wie einen Schatz gegen Wetterunbilden schützen“.
Erst finden wir einen, schließlich eine ganze Wiese voller Enziane. Sie bewegen sich im Morgenwind in der Sonne und scheinen wie zustimmend mit ihren klugen dunkelblauen Köpfen zu nicken.
Jagdfieber
Auch Albert Wechs ist aus familiären Gründen zu seinem Lieblingsthema gekommen: Sein Urgroßvater war Jäger beim Prinzregenten, der Großvater und fünf seiner Onkel waren Jäger. Er selbst, von Beruf Schreinermeister, widmete sich hobbymäßig nicht nur der Jagd, sondern auch der Geschichte von Hindelang. In seinem gemütlichen und modernen Holzhaus zeigt er seine beeindruckende Chronik seit 1850.
„Nach 1848 ging es drunter und drüber in den Hindelanger Bergen“, erzählt das Urgestein von Bad Hindelang. „Aus Tirol kamen Wilderer und Banden herüber, der Wildstand war fast ausgerottet. Da ist eine Abordnung aus Hindelang nach München gefahren und hat dem Prinzregenten Luitpold die Pacht angetragen, da man wusste, dass der ,Prinz‘ ein begeisterter Jagdfan war.“
Der „Jagdplan“ gelang, und der Prinzregent, den die Leute später „Du Prinz“ nannten, brachte nicht nur den Wald in Ordnung, stellte Berufsjäger und später Forstleute an, sondern brachte auch die Sennerei in Schwung. Hatte vorher bei nur fünf Kühen pro Bergbauer eine Sennerei in den Bergen nicht gelohnt, wurden nun mit Hilfe der Wittelsbacher Alpgenossenschaften gegründet. Um die 60 Genossen einer Genossenschaft brachten ihre Kühe in die Berge auf eine Alpe und waren an Sennerei und Hütte beteiligt.
Kein Wunder, dass man sich hier schon früh für Ökologie interessierte. „Den Pächtern der Alpen wurde schon vor 30 Jahren von den Wittelsbachern in den Pachtvertrag geschrieben, sie dürften keinen Alkohol ausschenken und nur einheimische Produkte verkaufen“, erzählt Albert Wechs. Und bereits im 19. Jahrhundert hatte der Prinzregent sich gegen den Bau der Eisenbahn nach Hindelang engagiert. Dass er schließlich auch Kneipp entdeckte, verwundert da nicht. Am Fuße des Wasserfalls ließ er ein Loch graben, den heutigen „Prinzegumpe“. Leicht bekleidet ging er bei seinen Hindelang-Aufenthalten jeden Morgen dort baden, wie kalt das Wasser auch sein mochte. Ein guter Schwimmer soll er gewesen sein, das war damals selten, besonders auf 1.000 Metern Höhe. Dass die Kneippanlage ausgebaut wurde und heute rege besucht wird, hätte ihn sicher gefreut.
Fotos von Treibjagden, Gesellschaften auf denen die Vorfahren von Wechs zu sehen sind, die Chronik ist lang. Ich selbst fotografiere Ehepaar Wechs im Haus Leonardis mit der gemütlichen Ferienwohnung – alles aus Holz versteht sich. Auch ich bin vom Jagdfieber gepackt, wenn auch vom Fieber nach weiteren Hindelanger Erzählungen.
Die Luft ist rein – Sie können kommen!
(si) Stefan Bentele erzählt unter 500 Jahre alten Balken vom heutigen Bad Hindelang. Er fährt zweigleisig: Er betreibt einen ökologisch orientierten Bauernhof und vermietet Ferienwohnungen an Familien, angeschlossen sind die Sennerei und das Restaurant. Er war Kfz-Meister unten im Tal, als er aus gesundheitlichen Gründen auf Landwirtschaft umstieg. Er ist gewandt, nachdenklich und – er wirbt mit seiner Person für das Leben in den Bergen.
Auf seinem Hof hält er Haflinger Pferde und beherbergt im Sommer Kühe aus dem Tal. Aus der noch kuhwarmen Milch macht der Pächter sofort Käse mit den der Milch eigenen Bakterien. Normalerweise werden der Milch bei der Abkühlung die Bakterien entzogen und später wieder künstlich zugesetzt. Für die Kinder seiner Feriengäste ist der Hof ein Paradies: Das Spielen im Heuschober erlaubt unbeschränktes und gefahrloses Toben. Seilschwingen in gesunder Luft und Landen in duftendem, weichem Heu. Aber der Hof ist auch Schule der Natur: Kühe, Pferde und ein Streichelzoo schaffen Beziehungen zu Tieren, die die Kinder aus der Stadt suchen und brauchen.
Vor 30 Jahren, so Bentele, hätten sich in Bad Hindelang die Bauern zusammengeschlossen, um anders zu arbeiten. Der Viehbestand pro Hektar wurde begrenzt, ortsgebundenes Futter (90 Prozent) vorgeschrieben und der Einsatz von Stickstoffdünger unterbunden. Das war nicht problemlos. Die steilen Almen erlauben keine Kostensenkung und sind schwer zu bewirtschaften. Die Preise für Milch beispielsweise halten sich seit 40 Jahren stabil, während alles Andere teurer wird. Die Antwort hieß schon damals: Ökologisch produzieren und direkt vor Ort vermarkten. Den dafür erforderlichen Zuschuss von jährlich 250.000 DM hat Prinz Sadruddin Aga Khan zusammen mit der japanischen Firma RISO in einer ökologischen Spende bereitgestellt. Sie trugen so wesentlich dazu bei, die bayrische Alpenfauna zu erhalten.
Aber auch diese Unterstützung reicht nicht aus. Sie muss aufgestockt werden mit Einnahmen aus dem Tourismus. Bentele spricht nicht nur einmal von Glück. Denn vor 70 Jahren war in Oberjoch die Welt noch zu Ende, es lebten ganze dreizehn Einwohner in dem D orf. Heute beherbergen 320 Einwohner bis zu 1500 Besucher täglich. In den 30er Jahren wurde hier einer der ersten Skilifte gebaut. Heute noch bedeutsamer ist, dass es hier, auf 1.200 Metern Höhe, keine Hausstaubmilden gibt. Für Allergiker ein Paradies, dessen Besuch bis zu sechs Monate lang nachwirkt.
Auch wer ein Abendessen im Wirtshaus Kermatsried genießen darf, kann von Glück sprechen. In dem 1492 erbauten Haus, das auf Drängen des Pächters und Freundes Reiner Willems vor 15 Jahren renoviert wurde, nimmt die Geschichte von Oberjoch Gestalt an. Die Decke des Gebäudes musste sogar erhöht werden, die Räume waren ursprünglich nur 1,70 Meter hoch. Rainer Willems kennt die Herkunft der von ihm verkochten Produkte genau. Möglichst viel bereitet er selbst zu wie Wurst oder Spinatnudeln. Man schmeckt den Unterschied, auch bei Maultaschen oder Steak. Seine Frau, Magdalena Willems-Pisarek ist Philosophin und Künstlerin; sie gewann mehrere Preise. Bad Hindelang – so sagt sie – ist voll von Originalen. Sie mag das, obwohl es nicht immer ganz einfach ist. Und Sie gehört selbst dazu: Ihre Bilder hängen an den Wänden. Es ist eine enge Wirtschaft, in die die Bilder die Weite der Allgäuer Bergwelt hereinholen, aber auch die Weite der menschlichen Gefühle. Magdalena kommt aus Warschau. „Dort dominierte das Grau“, sagt sie; im Allgäu fasziniere sie das Blau. „Ich versuche dieses Blau zu greifen“, lächelt sie. „Aber man kann es nicht wirklich greifen. Man kann es nur – kitzeln ...“
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