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Mein Leben zurückgewinnen

von Martina Frenzel

 

Immer öfter schmeißt Paula, wenn sie nach Hause kommt, ihre Tasche in die Ecke. Sie wirft sich auf das Sofa und seufzt. „Mann, hab’ ich einen Stress!“ Jürgen sieht sie an. Er versteht sie. Ihre Situation bei der Arbeit ist schwierig. Er nimmt sie in den Arm. Sie beruhigt sich langsam, zittert ein wenig; manchmal weint sie ... Paula fühlt sich bedroht von der jüngst angekündigten Restrukturierung. Oft ist es aber auch umgekehrt: Er kommt aggressiv nach Hause und ärgert sich über seine Kollegen. Dann kocht sie etwas Leckeres und beruhigt ihn. Sie versteht ihn in seinem Stress. Aus langer Erfahrung in ihrer Beziehung und aus eigenem Erleben wissen beide ganz einfach, was es bedeutet, im Stress zu sein.

Aber es lohnt vielleicht, über dieses unmittelbare Sich-Einfühlen hinaus sich die Frage zu stellen: Was ist eigentlich Stress? Wer hat eigentlich herausgefunden, dass es Stress gibt? Und wie hat sich dieses Stress-Konzept entwickelt?

 

Was ist das eigentlich: Stress?

Einer der Väter des „Stress“-Konzepts ist der Mediziner Hans Selye. Er beschreibt in seiner Autobiographie „Stress – mein Leben. Erinnerungen eines Forschers“, wie er zwischen 1930 und 1960 das Stress-Konzept entwickelte. Schon in den ersten medizinischen Vorlesungen, die er in den 30er Jahren hört, fällt ihm auf: Wann immer Menschen als Fälle von Krankheiten vorgestellt werden, sieht man ihnen an, dass sie krank sind. Man sieht nicht sofort, welche Krankheit sie haben, aber dass sie krank sind, sieht Selye sofort. „Sie sahen alle krank aus und sie fühlten sich krank“ (S. 85). Darüber wundert Selye sich. Das Kranksein allgemein scheint ein Zustand zu sein, den alle Krankheiten miteinander gemein haben. Diesen Zustand will Selye erforschen. Doch er wird nicht ernst genommen. Man untersucht in der Regel  bestimmte Ursachen bestimmter Krankheiten und ignoriert den Zustand des Krankseins an sich. Man macht sich über Selye lustig. Er verfolgt den Gedanken nicht weiter.

Als Assistent untersucht Selye bestimmte Zusammenhänge, um eine – falsche – These seines Chefs zu stützen. Bei diesen Experimenten an Säugetieren stößt er wieder auf die Krankheit im Allgemeinen. Auch diesmal stößt er auf Widerstand. Aber er bleibt hartnäckig, er entwickelte das Stress-Konzept und wurde Professor für Medizin in Montreal.

Für Selye ist Stress nicht eine Belastung von außen, wie das im Alltag meist verstanden wird. Im Gegenteil: Selye versteht unter Stress den Versuch des Organismus, sein Leben unter ungeeigneten Bedingungen fortzusetzen, indem sich der Organismus an die geänderten Bedingungen anpasst. Solche sich verändernden Lebensbedingungen werden der „Umwelt“ zugeschrieben. Im Experiment besteht diese „Umwelt“ aus Hans Selye und seiner Versuchsanordnung selbst, der die tierischen Organismen ungeeigneten Lebensbedingungen aussetzt. Diese sind beispielsweise zu geringe Temperatur, Infektion durch Bakterien, zu enger Raum usw. Er untersucht, wie die Organismen darauf reagieren. Ihre Reaktion erscheint in zwei Aspekten: Einerseits bekämpfen sie die Belastung, sofern das möglich ist. Andererseits versuchen sie, ihr Leben unter den widrigen Bedingungen fortzusetzen. Diesen zweiten Aspekt nennt Selye „Stress“. Stress ist also der Versuch des Organismus, sein Leben unter für ihn ungeeigneten Bedingungen aufrecht zu erhalten.

 

Die Hirnanhangdrüse (Hypothalamus) schüttet ein Nervenhormon aus, CRH genannt (Corticotropin Releasing Hormone) sowie Vasopressin. CRH veranlasst die Hirnanhangdrüse zur Produktion des Hormons ACTH (AdrenoCoriticoTropes Hormon). Dieses Hormon regt das Mark der Nebennierenrinde dazu an, das Hormon Cortisol in die Blutbahn zu bringen. Dieses Hormon erhöht den Blutzucker, die Fettreserven im Blut und damit die Energie. Der Körper kann sofort mit aller Energie reagieren. Es verbessert die Hirnfunktionen. Alles läuft scheinbar langsamer ab. Die Möglichkeiten, dem Stress entgegenzuwirken, verbessern sich. Vasopressin sorgt dafür, dass die Niere nur wenig Urin hervorbringt.
Parallel dazu entwickelt sich ein zweiter Strang der Reaktion mit einer ähnlichen Zielrichtung: Die Nebennierenrinde produziert die Hormone Adrenalin und Noradrenalin. Die Reaktion: Das Herz schlägt schneller, der Blutzucker wird erhöht, die Atmung wird rascher, der Sauerstoffgehalt im Blut steigt. Die Blutgerinnungsfähigkeit nimmt stark zu. Aufmerksamkeit, Entscheidungsgeschwindigkeit und Gedächtnisleistung sind verbessert, aber auch auf die Gefahr fokussiert. Die Menschen sind kaum in der Lage, anderes als die Gefahr zu erfassen und in Betracht zu ziehen. Hält dieser stressauslösende Zustand der Gefährdung an, so werden andere – mit der Gefahrenabwehr nicht zusammenhängende – Funktionen und Lebensbereiche vernachlässigt.
Zudem bringt die Hirnanhangdrüse „Endorphine“, also körpereigene Betäubungsmittel, hervor, die es den Organismen erlauben, auch bei Verletzungen und Verwundungen weiter zu handeln.

 

 

Für Selye ist Stress also – anders als im Alltagsverständnis oft – nicht etwas, was von außen auf uns einwirkt. Im Gegenteil: Höhere Organismen reagieren auf veränderte Lebensbedingungen durch Anpassung. Selye spricht deswegen von einem „Allgemeinen-Anpassungs-Syndrom“ („General Adaptation Syndrom“, GAS). Wird es etwa für ein Lebewesen zu kalt, so verändert es seine Lebensfunktionen in einer Weise, die es ihm erlaubt, sein Leben trotzdem fortzusetzen. Wird es durch Bakterien angegriffen, so versucht es, sich äußere Ruhe zu verschaffen, um sich mit der Gefahr auseinander zu setzen.

Zunächst tritt eine „Alarmphase“ ein, in der die hormonellen Reaktionen stark ausgeprägt sind. Dauern die einschränkenden Bedingungen an, so reduzieren sich in der Widerstandsphase die hormonellen Prozesse. So können die Lebewesen ihr Leben noch für eine Weile fortsetzen und versuchen, die Gefahr zu meistern. Schließlich sind die Möglichkeiten der Anpassung des Organismus erschöpft. Das Tier bricht zusammen und stirbt letztlich.

Selye setzt voraus: Wie bei den Tieren, so bei den Menschen. Seine Schlussfolgerungen lesen sich so, wie Paula und Jürgen sich Stress vorstellen: „Jahrelang widerstehen die meisten dem Stress, der hervorgerufen wird durch Aufregung, Frustration, körperliche Erschöpfung, Anspannung, Überarbeitung, chronische Infektionen und unzählige andere Faktoren, die Anpassung erfordern. Schließlich kommt der Tag, an dem eine normalerweise ausgeglichene Person beginnt, Anzeichen erhöhten Blutdrucks zu zeigen, an dem der überarbeitete Geschäftsmann einen Herzanfall erleidet oder an dem die Mutter, die für eine große Familie und einen anspruchsvollen Mann zu sorgen hat, die Anzeichen eines Magengeschwürs bemerkt.“

 

Stress als Reaktion auf die „Umwelt“ – die Lebensbedingungen

Um Stress untersuchen zu können, setzt Selye Tiere solchen Lebensbedingungen aus, die für ihr Leben ungeeignet sind. Er senkt die Temperatur, entfernt Organe, versetzt kleine elektrische Ladungen etc. Diese Anordnungen sind nicht selbst der Stress, sondern man nennt sie „Stressoren“. Stress ist der Versuch, unter diesen Bedingungen sein Leben fortzusetzen oder zurückzugewinnen. So gesehen müssten Paula und Jürgen auf die Bedingungen achten, unter denen sie leben. Sie könnten sich vorstellen, es gäbe in ihrem Leben „einen Selye extra für sie“, der die Bedingungen so einrichtet, dass sie unter Stress geraten, und sich dann fragen, was der wohl tut, – nicht etwa, weil sie der Meinung sein könnten, es gäbe tatsächlich so jemanden, sondern um herauszufinden, was das für Bedingungen sind, die sie belasten. Sie würden dann nicht nur allgemein verstehen, dass die Bedingungen, unter denen sie leben, ihrer Gesundheit nicht förderlich sind, sondern im Besonderen danach suchen, um welche Bedingungen es sich handelt.

Doch die Forschung geht zunächst andere Wege. Die psychologischen Stressforscher fragen sich: Hat Selye Recht, wenn er die Menschen so betrachtet, als seien sie bloß Tiere? Nein, denn Menschen unterscheiden sich individuell darin, wie sie mit belastenden Situationen umgehen. Tiere dagegen reagieren auf Belastungen artspezifisch, aber gleich. Solche Unterschiede zwischen den Menschen untersucht vor allem der psychologische Stressforscher Richard Lazarus in den 60er und 70er Jahre. Er sieht Stress als ein Zusammenwirken von äußerer Situation und psychischer Eigenart der Menschen, wobei sich beide Elemente gegenseitig verändern. Die erste Reaktion auf eine belastende Situation ist eine Bewertung.

Man kann seinen Ansatz vielleicht so darstellen: Wenn ein Auto auf einen zurast, ist man zu sehr schnellen Reaktionen fähig, oft schneller als man die Situation wahrzunehmen vermag. Die Menschen können in einem solchen Fall auf Automatismen zurückgreifen, die unbewusst bereit liegen. Am Anfang der Stressreaktion steht eine Bewertung, ob ein Verlust oder eine Verletzung, eine Bedrohung oder eine Herausforderung vorliegt. Wie nah ist die Gefahr? Wie viel Zeit bleibt noch? Wenn keine Zeit bleibt, wird nicht nachgedacht, sondern unmittelbar reagiert.

Die Bewertung der Situation hat zwei Aspekte. Der eine Aspekt beantwortet die Frage: Ist die Situation belastend? Am Beispiel der Geschichte von Jürgen und Paula könnten wir sagen: Paula fühlt sich bedroht durch die Restrukturierung, Jürgen verletzt von seinen Kollegen. Die beiden könnten diese belastende Situationen auch als Herausforderungen verstehen. Lazarus würde sagen: Nicht alle Menschen würden die Situationen von Paula und Jürgen in gleicher Weise als stressig empfinden. Wenn Paula etwa zentrale, ja für sie existentielle Überzeugungen in Frage gestellt sieht, wenn Jürgen seine Loyalitäten und Verpflichtungen bedroht sieht, dann sind sie besonders verwundbar und anfällig für Stress. Dann wenn man der Meinung ist, dass man über die Situationen, die das eigene Leben bestimmen, keine Kontrolle mehr hat, dann ist man besonders verwundbar. Paula etwa glaubt im Allgemeinen, dass sie Situationen im Leben nur schwer kontrollieren kann. Jürgen dagegen hält zwar Situationen im Allgemeinen für kontrollierbar, hat aber bei diesen besonderen Diskussionen mit seinen Kollegen besondere Schwierigkeiten.

Auch Aspekte der Situation bestimmen nach Lazarus das Ausmaß der Belastung mit Stress. Sie werden an weiteren Fragen deutlich: Wie nah ist das belastende Ereignis? Wie lange dauert es? Wie sicher sind solche Einschätzungen? Generell gilt: Je näher ein Ereignis, desto drängender die Bewertung. Je länger es anhält, desto wahrscheinlicher seine Bewältigung. Je undeutlicher bleibt, wie lange die Belastung dauert, desto aktiver die Bewältigungsversuche. Wenn Jürgen also lange Zeit hat, sich mit seinen Problemen mit den Kollegen auseinanderzusetzen, dann wachsen seine Chancen, damit zurecht zu kommen. Wenn die Restrukturierung im Unternehmen, in dem Paula arbeitet, unmittelbar zu erwarten ist, dann wird die Bewertung für Paula zu einem immer drängenderen Problem.

 

Sich dem Stress widersetzen – Entspannungstrainings & Co

Der zweite Aspekt der Bewertung einer Situation bezieht die Möglichkeiten mit ein, die zur Bewältigung der Belastung zur Verfügung stehen. Lazarus macht deutlich: Je besser die Bewältigungsmöglichkeiten für Stress entwickelt sind, desto weniger wird eine Situation als belastend bewertet. Paula und Jürgen sind in der Bewältigung von Stress sehr unterschiedlich, aber schon gut gerüstet. Jürgen reagiert auf belastende Situationen aggressiv. Aber das entlastet nur kurz. Er reagiert sich beim Sport ab. Danach ist er wieder beruhigt. Paula dagegen neigt eher zu passiven Formen, Stress zu bewältigen. Sie lenkt sich ab, indem sie sich auf schöne Dinge konzentriert. Sie setzt ihren negativen Gedanken Grenzen, indem sie Grübeleien und gedankliche Teufelskreise mit bioenergetischen Körperübungen beendet. Jürgen dagegen bekämpft Grübeleien, indem er sich mit positiven Sätzen klar macht, was er tun kann, oder wie er Situationen so betrachten kann, dass sie ihn nicht unter Stress setzen. Oft belohnen sich Paula und Jürgen, wenn einem von beiden etwas gelungen ist, mit einem schönen Abend. Sie versuchen, einander und sich selbst zu Gelassenheit anzuhalten, wenn es mal nicht so läuft, wie sie sich das vorgenommen haben.

Jürgen muss etwas zu seiner körperlichen Entspannung tun, damit seine Aggressivität nachlässt. Yoga, Tai Chi und Qi Gong werden zwar von der Krankenkasse unterstützt. Aber Jürgen glaubt, kein fernöstlicher Typ zu sein, und das scheint ihm – zu Unrecht – Voraussetzung solcher Kurse zu sein. Für ihn kommen eher Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und Autogenes Training in Frage. Spontan neigt er zu progressiver Muskelrelaxation. Paula verlangt wiederum, dass Jürgen mit bestimmten Formen der „Stressbewältigung“ sofort aufhört. Alkohol, Rauchen und Schlaftabletten sollte Jürgen – so findet sie – unbedingt meiden. Bewegung und ausreichendes Trinken sowie gesunde Ernährung wären hilfreich, meint sie. Jürgen staunt nicht schlecht darüber, was er alles machen könnte und sollte, um dem Stress zu entgehen. Da muss er erst herausfinden, welche der Möglichkeiten er nutzen will.

Obwohl Paula und Jürgen schon viel tun, um den Stress in Grenzen zu halten, wächst der Druck – vor allem auf Jürgen – zunehmend. Seine aggressive Art belastet die Beziehung. Paula hat Jürgen mit der Nase auf das Problem gestoßen, und nun diskutieren die beiden, was man langfristig gegen Stress machen kann. Denn so geht es nicht weiter. Eine Diskussion entspinnt sich zwischen den beiden. Denn es gibt viele Möglichkeiten, langfristig etwas gegen die Belastung zu tun. Aber an einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Lebensstil kommt Jürgen nicht vorbei. Ist er etwa nur zu Paula so aggressiv? In der Firma sieht er sich mehr in der Rolle des hilflosen Opfers – Dann wäre es Zeit, auch in der Firma die Opferrolle abzulegen.

 

Zeitmanagement und Verhaltenstraining

Manche Forscher wie Lazarus und weitere Vertreter der kognitiven Psychologie würden auch fragen: Hat Jürgen Einstellungen oder Verhaltensweisen, mit denen er selbst zu seinem Stress beiträgt? Dann muss sich Jürgen nach diesen Forschern mit seinen „Glaubenssätzen“, seinen Grundüberzeugungen, auseinandersetzen. Negative und lähmende Einstellungen lassen sich danach bearbeiten und so in positive verkehren. Das wäre eine Art der Selbstmanipulation. Wahrscheinlich muss Jürgen sein Verhalten ändern. Das sollte er – so wird empfohlen – managementartig angehen:

1.      die richtigen Ziele formulieren

2.      lernen sich selbst zu beobachten

3.      die Verhaltensveränderung zu planen und

4.      sie durchzusetzen.

5.      Die Durchsetzung regelmäßig kontrollieren.

So könnte man sich mit Selbst-Management helfen; aber die Gefahr dabei ist, dass das zur zusätzlichen Belastung wird. Der Weg ist schwer durchzuhalten. Da könnte Jürgen die Unterstützung anderer gut gebrauchen. Paula, seine Sportgruppe und Freunde unterstützen Jürgen. Vielleicht kann sich Jürgen auch in der Arbeit um soziale Unterstützung bemühen oder eine Selbsthilfegruppe finden.

Vielleicht ist Jürgen in der Arbeit überfordert und braucht ein angemessenes Zeitmanagement. Als langsamer und gründlicher Arbeiter kann er beispielsweise nicht akzeptieren, dass er länger als andere braucht, obwohl umgekehrt seine Gründlichkeit sein Vorteil ist. Er macht weniger Fehler, wenn er sich nicht unter Druck setzen lässt. Aber die Kollegen machen Druck, weil sie glauben, dass Jürgen zu lange für bestimmte Problemlösungen braucht. Jürgen müsste demnach lernen, sich auf das Wesentliche zu beschränken, und nur das machen, was er weder aussortieren noch delegieren kann, und das dann so rational wie möglich – ohne Diskussion und ohne Klagen – erledigen. Leichter gesagt als getan.

Eines steht jedoch fest: Solche Maßnahmen steigern mit großer Wahrscheinlichkeit Jürgens Fähigkeit, Stress zu bewältigen. Mittelbar reduzieren sie die belastenden Situationen. Jürgen würde gelassener und weniger schnell aggressiv auf seine Kollegen reagieren. Ob eine Situation belastend ist, richtet sich – so Lazarus – auch nach den Fähigkeiten, die Jürgen sich in der Bewältigung von Stress erworben hat. Dies ist der zweite Aspekt der Bewertung, in die die Bewältigungsmöglichkeiten von Stress eingegangen sind. Auch die Belastung für Paula würde zurückgehen. Jürgen würde sich besser den Lebensbedingungen, die er vorfindet anpassen, als jedes Tier das könnte.

Solche Möglichkeiten der Verbesserung der Stressbewältigung sind nicht von der Hand zu weisen. Aber sie wirken nur beschränkt. Sie behandeln die Symptome, aber sie verändern nicht die Ursache des Stresses.

Das Leben managen oder wirklich leben?
Es fragt sich jedoch, ob diese Reaktionen und Bewältigungsformen letztlich ausreichen. Unterscheidet sich der Mensch vom Tier tatsächlich dadurch, dass er das erheblich anpassungsfähigere Lebewesen ist?

Es gibt ja noch eine andere Perspektive: Menschen könnten auf die Bedingungen Einfluss zu gewinnen versuchen, die sie unter Stress setzen. Die Stressforschung hat aus ihren Anfängen bei Selye die Vorstellung mitgenommen, dass es die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner „Umwelt“ sei, die Stress verursache. Bei den Tieren gibt es eine natürliche „Umwelt“, der sie sich anzupassen haben. Aber die Menschen leben nicht in einer natürlichen Umwelt, sondern leben in einer Arbeitsumgebung, zu der die Arbeitsprodukte und die Beziehungen zu den Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit gehören – oder zu der im familiären Umfeld die Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freunden gehören. Diese „Umwelt“ wird von den Menschen selbst hergestellt. Unsere These: Im eigentlichen Sinne menschlich auf stressige Belastungen zu reagieren, würde bedeuten: Die Menschen nehmen Einfluss auf die Bedingungen, unter denen Stress vorkommt.

„Ganzheitlichkeit“ einmal anders

Wenn heute in Prävention und Gesundheitsvorsorge eine „ganzheitliche“ Sichtweise gesucht wird, d. h. Körper, Seele und Geist als Ganzes betrachtet werden, dann kann oder muss der Einzelne auch in seinen sozialen Zusammenhängen betrachtet werden.

Prävention von Stress und Stressbewältigung kann nicht allein Sache der Einzelnen sein. Denn Stress resultiert auch aus dem Verhältnis von Individuen und Gruppen in der betrieblichen und familiären Realität. Die Menschen müssen offenbar lernen, ihre Beziehungen zueinander selbst zu bestimmen und belastende Begegnungen gemeinsam zu bearbeiten und zu überwinden. Sie würden dann „ihren Selye“ hinter sich lassen können und ihr Leben für sich zurückgewinnen; aber nicht wie ein Tier durch natürliche Automatismen, sondern im Gegenteil durch bewusste Aneignung ihres eigenen Lebens in der Reflexion auf die eigenen Lebensbedingungen.

Paula und Jürgen laufen Gefahr, sich selbst und ihr Leben zu verlieren. Aber sie setzen sich damit auseinander. Sie können ihr Leben bereichert zurückgewinnen, wenn sie sich der Herausforderung stellen, sich mit den Bedingungen, die ihr Leben bestimmen, bewusst auseinanderzusetzen. Die eigenen Lebensbedingungen und damit das eigene Leben zu gewinnen, das ist die Aufgabe, die Stress ihnen stellt.

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