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Burn-out ist überall

In der Hintergrund-Serie beschreibt Stephan Siemens die Entwicklung des Begriffs Burnout

Gefragt, was sie mit dem Begriff Burn-out assoziieren, werden die meisten Menschen antworten: Ausgebranntsein, Erschöpfung. Und das ist richtig. Aber woher kommt der Begriff?

Zu Beginn war das Phänomen vor allem bei Unternehmern bekannt. Aber wer hat diesen Namen geprägt? Es war der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger. Er beschrieb bereits vor 35 Jahren Burn-out als Reaktion auf eine außerordentliche Belastung bei Helfern in psychosozialen Berufen. Heute ist dies Phänomen überall gegenwärtig.

Doch wie kam es zur Ausbreitung des Burnout-Phänomens? Zunächst analysierten Forscher, wie hoch motivierte Menschen mit „Helfersyndrom“ oft nicht fähig sind, sich von den Problemen ihrer Klienten abzugrenzen. Die nächsten Berufsgruppen, die Burnout attestiert bekamen, waren Ende des vergangenen Jahrhunderts unter anderem Lehrer, Pfarrer, Polizisten und Fluglotsen. Gemeinsam ist diesen Berufsgruppen die hohe Motivation und der Wunsch der Ausübenden, etwas Sinnvolles zu tun. Dieses Engagement ist wertvoll für die Gesellschaft und so gesehen sehr erfreulich. Jedoch: die Helferinnen und Helfer distanzieren sich of nicht ausreichend von den Sorgen ihrer Klienten. Das kann zu emotionaler, körperlicher und geistiger Überanstrengung führen. Eben Burnout.

Heute gibt es kaum noch Arbeitsfelder, in denen sich diese „Krankheit“ nicht ausbreitet. Ob Software-Programmierung oder Sekretariat, ob Flugdienst, Vertrieb, Management oder Verkauf: Burn-out ist überall. Es ist unmöglich, das Phänomen heute noch auf bestimmte Berufe einzugrenzen. Aber die Geschichte der Burn-out-Forschung zeigt etwas Wichtiges: Burn-out hängt immer mit den Gefühlen der Menschen zu ihrer Arbeit und damit auch mit den Bedingungen ihrer Arbeit zusammen.

In den nicht-helfenden Berufen sind heute gerade diejenigen Menschen betroffen, die mit großer Begeisterung und hoher Motivation in ihre Tätigkeit einsteigen und hier Sinnvolles leisten wollen. Und dies auch tun. Aber warum wechselt anfängliche Euphorie oft so schnell in Überforderung? Warum ist es heute überall an der Tagesordnung, von ständiger Überforderung zu sprechen?

Ein Grund liegt darin, dass sich die Arbeitsbedingungen und die Formen der Organisation geändert haben. Die Organisation der Arbeit orientiert sich nicht mehr – wie früher – an Maschinen. Heute sind es die Beziehungen der Menschen untereinander, die die organisatorische Struktur eines Unternehmens bestimmen. Es werden Teams gebildet, in deren Rahmen den Einzelnen größere – auch unternehmerische – Verantwortung gegeben wird. Dies führt zunächst zu größerer Zufriedenheit. Gleichzeitig wächst auch die seelische Belastung und der Leistungsdruck.

Die Beziehungen zu den Kollegen, zum eigenen „Team“, werden enger, auch die Beziehung zum Unternehmen insgesamt. Damit werden die eigenen Gefühle möglicherweise belastet. Wer sich daher in Gefahr sieht, auszubrennen, der sollte sich mit seinen eigenen Gefühlen – gerade zu und während der Arbeit – beschäftigen.

Aber woran können Sie erkennen, ob Sie Burn-out-gefährdet sind? Dieser Frage wollen wir in der nächsten Ausgabe nachgehen. Hier ein kleiner Ausblick: Sie haben das Gefühl, Ihre Aufgaben nicht erledigen zu können? Sie fühlen sich ständig überfordert? Sie haben den Eindruck, „neben sich zu stehen“, nur noch zu „funktionieren“? Sie sehen ihre Kunden oder Klienten nur noch als Fälle? Dann ist es höchste Zeit, sich damit zu beschäftigen. Denn die größte Gefahr bei dieser „Krankheit“ besteht darin, dass Sie sie vielleicht erst dann spüren, wenn es zu spät ist.

Stephan Siemens ist Philosoph und Burnout-Experte und gibt Seminare in der Erwachsenenbildung zum Thema. www.stephan-siemens.de

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