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Burnout –gibt es das überhaupt?

In den Medien wird viel über Burnout geredet und manches zerredet. Die Aussagen, was Burnout sei, sind widersprüchlich. Eine Broschüre schafft Abhilfe.

 

Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt?, fragte schon im Jahr 2005 die Autorin Ina Rösing. Und manchmal möchte man meinen, an diesem, ihrem Zustand habe sich nicht viel geändert. Auch wenn das Thema von den Medien reichlich aufgenommen wird, scheint die Unsicherheit, was Burnout eigentlich sei, fortzubestehen. Widersprüchliche Aussagen reichen von: „Das ist eine Krankheit für helfende Berufe“ bis „das gibt es gar nicht“ bis hin zu Aussagen der Gehirnforschung, die den Betroffenen wohl kaum weiterhelfen. Da meinen Mediziner, Burnout sei eine Modekrankheit, eigentlich sei Burnout eine Depression. Warum, mag man sich aber fragen, sind wir plötzlich ein Volk von Depressiven?

Hatten nicht auch unsere Eltern oder Großeltern 50-60 Stunden gearbeitet OHNE Burnout zu bekommen? Natürlich möchten wir hier nicht einer 60 Stunden Woche das Wort reden. Aber wenn unsere Väter nach Hause kamen, konnten sie sich doch viel eher erholen als das heute der Fall ist. 

Da Burnout keine eigene Diagnose des Arztes sein kann wird, wird Depression diagnostiziert. Oder eine psychosomatische Krankheit oder psychische Erschöpfung mit einem Hinweis auf Burnout. Und doch – wenn Sie mit Menschen sprechen, die Burnout hatten, mit Angehörigen, Kollegen oder Freunden von ihnen, dann wird jeder sagen: Burnout IST ein ganz eigenes spezielles Syndrom. Es sind oft die Engagierten, die es trifft, diejenigen, die eben NICHT depressiv sind und von denen man es vorher nicht erwartet hatte. Der eine kann nicht mehr aufstehen und kippt um, die andere wird aggressiv, der dritte krank und die Vierte depressiv. Und jeder weiß: Es hat mit der Arbeit zu tun. Vielleicht auch mit der Doppel-Belastung im Fall von Hausarbeit oder kranken Angehörigen, aber ganz sicher auch zentral mit der Berufsarbeit. Nun kommt man der Diagnose, was denn Burnout sei, schon einen Schritt näher: Es hat mit der Arbeit zu tun. Seit kurzer Zeit ist in den Medien davon die Rede, dass es die technischen Errungenschaften und die ständige Erreichbarkeit wären, die Burnout hervorrufen. In internationalen Unternehmen werden als Burnout-Präventions-Maßnahme E-Mail-Server ab einer bestimmten Uhrzeit abgeschaltet.

Sicher eine gut gemeinte Maßnahme. Aber was, wenn das Arbeitsaufkommen und das, was als „Arbeitsdruck“ beschrieben wird, zu groß ist? Wenn private E-Mail-Adressen Ersatz bieten und wenn auch nachts die Gedanken um die Arbeit kreisen und man „nicht abschalten“ kann? Nun gibt es die gutgemeinten Ratschläge in einer unaufhaltsam steigenden Anzahl von Burnout-Büchern. Angefangen von „Mach doch mal eine Pause!“ bis hin zu „Pflege Dein Privatleben“, „Mach einen Entspannungskurs oder Meditation“ sind da der Ratschläge viele, die sicher im Einzelfall auch hilfreich sein können. Warum nur gibt es trotzdem kein Rezept? Oder – wie eine Betroffene berichtete: „Ich habe alle Maßnahmen ausprobiert und trotzdem bin ich in das dritte Burnout geschlittert“?

Es ist die mangelnde Analyse der Ursachen, meint der Philosoph Stephan Siemens. Bereits in den 90er Jahren, als von Burnout in diesem Umfang nicht die Rede war, analysierte er die neuen Formen der Organisation der Arbeit, die aus den USA zu uns herüber schwappten. Damals war eine neue Form des Arbeitens in Silicon Valley entwickelt worden, Arbeits-Organisationsformen, die heute bis in die normale Filiale eines Supermarktes reichen: Die Mitarbeiter arbeiteten eigenständiger, verantwortlicher, autonomer, und sie arbeiten in Teams. Sie übernahmen in ihren Teams Verantwortung, insbesondere unternehmerische Verantwortung für Teilbereiche und wurden mit mehr Eigenständigkeit und Flexibilität belohnt. Diese Entwicklung ist ein großer Fortschritt und die wenigsten Beschäftigten möchten in die Zeit zurückkehren, als sie mit dem Stechen der Stechuhr „den Griffel fallen ließen“.

Aber die Nebenwirkungen dieser neuen Verantwortung werden allgemein unterschätzt, obwohl sie eine große Belastung bedeuten. Plötzlich werden die Kontakte zu Kollegen und Kolleginnen zum wichtigsten Bezugspunkt neben der Familie, weil die Zeit für Freunde fehlt. Da kreisen die Gedanken nachts um wichtige Entscheidungen, die getroffen werden müssen oder Ziele, die nicht eingehalten werden können. Da wird Solidarität mit den Kollegen bei Krankheit gefordert bis zu einem Maße, an dem sie in eine Art Selbstausbeutung umschlägt, um nur einige Beispiele zu nennen. Und was tun die Führungskräfte? Sie schaffen die Rahmenbedingungen, für diese neue Art zu arbeiten. Wer – wie Stephan Siemens – die aktuelle Literatur der amerikanischen Arbeitspsychologie studiert hat, weiß, dass es keine einzelne Fehlentwicklung schlechter Führungskräfte darstellt, wenn diese achselzuckend keine Problemlösung wissen und diese Aufgabe an die Mitarbeiter delegieren. Es ist pure Absicht und funktioniert sehr gut. Und wirklich: Das Ergebnis ist, wie Siemens feststellt, eine enorm gewachsene Produktivität der Beschäftigten. In vielen Unternehmen ist es möglich, mit zehn, zwanzig oder gar dreißig Prozent weniger Mitarbeitern dieselben Unternehmensziele zu erreichen.

Da mutet es merkwürdig an, dass ein weiterer Zweig der Burnout-Forschung mehr Autonomie fordert und den veralteten Formen der Arbeitsorganisation die Verantwortung für Burnout gibt. Und wirklich wurden auf den Rat dieser Wissenschaftler neue Rahmenbedingungen in Unternehmen geschaffen: Eine ethisch fundierte Firmenphilosophie, Leistungsmerkmale und Zielvereinbarungen sollten Freiheit und Anerkennung für den einzelnen Mitarbeiter schaffen.

Aber sind die Burnout-Zahlen in denjenigen Unternehmen gesunken, die dies umsetzten?

Das Gegenteil ist der Fall. Die von Krankenkassen veröffentlichten Zahlen der psychischen Krankheiten sind ebenso alarmierend wie die Gegenmaßnahmen hilflos scheinen. „Burnout als Folge der neuen Organisation in der Arbeit“, heißt eine neue Publikation des Burnout-Experten Stephan Siemens. Er stellt darin eine ebenso einleuchtende wie einfache Maßnahme der Burnout-Prävention dar: das Verstehen. In einer Zeit der postmodernen Abwertung der Vernunft legt er Wert auf Verständnis, Reflexion und Aufklärung. Und hat damit offensichtlich Erfolg. Denn er entwickelt seine Theorien und Erklärungen nicht in der stillen Philosophen- Kammer, sondern er ist in direktem Kontakt mit den potentiell Betroffenen, den Beschäftigten und gewerkschaftlichen Interessenvertretern. Gemeinsam mit Ihnen entwickelt er Methoden des Verständnisses der strukturellen Gefahr und der Gruppendynamik in den Teams. Die Gruppendynamik wirkt sich dort aus, wo man es manchmal am wenigsten versteht und oft nicht erwartet, in den eigenen Gefühlen. Denn das ist das Besondere an Burnout: Es zeigt sich nicht nur in einer körperlichen, sondern in einer emotionalen Erschöpfung. Steht am Beginn des Burnout-Prozesses Engagement, Lust zu Arbeiten und Verantwortlichkeit, ist die emotionale Erschöpfung eines der Alarmzeichen der zweiten Phase. Wie eine solche emotionale Erschöpfung aussehen kann, worin sie sich zeigt, aber auch wohin falsche Erklärungsmuster führen können - das und vieles mehr zeigt Stephan Siemens in der Broschüre „Burnout als Folge der neuen Organisation in der Arbeit“.

Sie ist im Buchhandel (Amazon ist Buchhandel) oder bei AUL Herford zu erhalten für 6,50 . 

Aus heiss+kalt Professional, Ausgabe 3/2012 Klänge zum Fühlen

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