Beispiel A:
Sie betreten eine Saunakabine, und ein lautes Gespräch schallt Ihnen entgegen. Die Saunagäste kennen sich offenbar. Unfreiwillig verfolgen Sie das „interessante“ Gespräch über die neuen Fenster des Herrn Schulze. Demonstrativ schließen Sie die Augen und versuchen, nicht zuzuhören. Aber keiner der anderen Gäste registriert Ihr Bedürfnis nach Ruhe. Schon nach dem ersten Gang sind Sie unfreiwillig Experte für Fensterbau geworden. Trotz Schwitzens und Abkühlung fühlen Sie sich hier nicht entspannt.
Beispiel B:
Sie betreten die Saunakabine und spüren neben heißer Luft ein gerüttelt Maß an menschlicher Kälte. Alle schweigen distanziert und starren auf die Holzwand. Einige Männer reiben ächzend Ihren Schweiß, andere sehen sorgenvoll auf die Sanduhr. Sie selbst schließen die Augen. Zwei Freunde flüstern nun leise, als direkte Antwort erhalten beide ein wütendes „Ruhe bitte“ zur Antwort Trotz der Ruhe fühlen Sie sich nicht entspannt, denn diese scheint erzwungen zu sein.
Wie gelingt die Kunst der Balance?
Es ist unbestritten, dass die Begegnung mit nackten, fremden Menschen eine Gratwanderung darstellt. Nur in wenigen Ländern sauniert man nackt. Engländer, Franzosen und erst recht US-Amerikaner gehen mit hochrotem Kopf durch deutsche Sauna-Anlagen. Selbst Finnen wundern sich (siehe heiss+kalt 04 / 2005), denn dort sauniert man nur in der Familie gemeinsam, ansonsten getrennt nach Geschlechtern.
Voraussetzung für die Kunst der Balance ist das Wohlbefinden. Dieses Problem kann nicht nur durch Schilder und Regeln gelöst werden. Die Betreiber der Anlagen können lediglich eine Philosophie des Saunierens entwickeln und diese an ihre Gäste weitergeben. Dazu gehören ein beispielhaft freundlicher Umgang des Personals mit den Gästen und die bewusste Vorgabe von Regeln. Wer diplomatisch ist, entschärft kritische Situationen mit etwas Humor, zum Beispiel mit Hilfe einer kleinen Anekdote: „In Finnland gibt es nur die eine Regel Du sollst in der Sauna nicht streiten.“
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