In der Saunahöhle
oder: Multikulturelles Saunaerlebnis auf Ischia
Die Kleine wusste genau, auf welche Steine sie am Strand nicht treten durfte, wollte sie sich nicht die Füße verbrennen. Kurz gesagt - wir gehörten auf Ischia schon zu den alten Hasen. In unserer letzten Urlaubswoche statteten wir dem Fischerdorf Sant Angelo einen Besuch ab und versäumten dabei nicht, den Thermalgarten des Ortes zu besuchen. Die Kleine fand schnell Anschluss. Mit ihren Schwimmflügeln flitzte sie zwischen Rutsche und Planschbecken den anderen Kindern hinterher. Irgendwann fing ich sie mir aus der lärmenden Kinderschar heraus, um mit ihr in die Sauna zu gehen. Wir folgten den Pfeilen mit der Aufschrift „Saunagrotte“ und gelangten über eine steile Treppe zu einer Holztür. Als die schwere Tür hinter uns zufiel, schlug uns ein Brausen und Brodeln entgegen. Es war dunkel und die heiße, nach Salz schmeckende Luft schien uns zu erdrücken. All das war ein so krasser Gegensatz zu dem sonnenüberfluteten Junitag, den wir ein paar Meter über uns zurückgelassen hatten, dass wir verstört an der Tür stehen blieben. Die Kleine griff ängstlich nach meiner Hand. Offensichtlich fürchtete sie, mich in der Dunkelheit zu verlieren. Wir warteten, bis sich aus dem dunklen Dampf eine steinerne Treppe schälte und stolperten zu deren unterster Stufe. Die Sitzfläche war nur grob behauen, so dass sich in den Vertiefungen warme Pfützen gebildet hatten. Von unserer Bank aus erkannten wir, dass wir uns in einer wahrhaftigen Höhle befanden, aus deren rechter oberer Ecke ein dampfender Wasserstrahl schoss. Das Wasser sammelte sich in einem etwa drei Meter tiefer gelegenen Becken, bevor es in einem geheimnisvollen Loch im Felsen verschwand. Dieser heiße Strahl war es also, der die offensichtlich naturbelassene Saunagrotte in den salzgetränkten Dampf hüllte. Ich redete der Kleinen gut zu, unsere Augen werden sich bald an die Dunkelheit gewöhnt haben, dennoch blieb sie außergewöhnlich stumm neben mir sitzen. Kurz darauf, unsere Handtücher hatten sich bereits vollgesogen, geschah es: Über uns ertönte plötzlich ein undefinierbares grausiges Brummen. Wir erschauderten. „Mutti, ein Höhlenbär!“. Obwohl mir klar war, dass sie sich irren musste, war auch ich unsagbar erschrocken. Wir, die wir gemeint hatten, die einzigen Besucher der Saunagrotte zu sein, schmiegten uns aneinander. Zu unserer großen Erleichterung begann das Brummen allmählich den Klang einer menschlichen Stimme anzunehmen, genauer gesagt einer männlichen. Emanzipierte Frauen haben keine Angst, weder vor Bären, noch vor unsichtbaren Männern, wies ich mich zurecht. Die Kleine hatte genug von der furchteinflößenden Szenerie. Sie zog sich in den italienischen Sommer zurück, während die Stimme aus dem Dunkel fortfuhr, mir unverständliche Laute zu zu brummen. Irgendwann schien der geheimnisvolle Mann jedoch ein Einsehen zu haben, er flocht zunehmend hochdeutsche Laute in seine Sätze ein und wir konnten erste Worte wechseln. Der „Höhlenbär“ entpuppte sich dabei als sympathischer Mittsechziger, der ebenso tapfer wie erfolglos gegen seinen stark ausgeprägten schweizer Dialekt ankämpfte. Bei unserem zweiten gemeinsamen Saunagang kamen wir uns näher, das heißt, er rutschte eine Stufe herunter, beim dritten war ich bereits über die Urlaubsgewohnheiten meiner Saunabekanntschaft im Bilde: Er komme seit fünfzehn Jahren jedes Jahr nach Ischia und im Übrigen sei er nur dank der Thermalurlaube so kräftig und fit, topfit sozusagen. An jener Stelle warf ich ein, dass Thermalwasser doch kräftig anstrenge, denn immer, wenn ich dem salzenen Sud entstieg, befalle mich eine bleierne Müdigkeit. Tja, begann er seine Erwiderung, das sei nur in den ersten Tagen so, doch dann gehe es mit der Kondition aufwärts, so dass er nach zwei Wochen Thermalbecken und Saunagrotte die Treppen im Laufschritt nehme, die er bei Ankunft im Hotel hochgeschlichen war. Er war sich sicher - es gab nichts Gesünderes.
Irgendwann, wir hatten das Thema Gesundheit erschöpfend behandelt, hörte ich den Eidgenossen unvermittelt fragen: „Wohnen Sie in einem Hotel in Sant Angelo?“ Normalerweise bin ich eine recht aufgeschlossene Frau, sehe ich mich jedoch alleinreisenden Herren gegenüber, die möglicherweise urlaubsmäßigen Anschluss suchen, werde ich etwas zurückhaltend, zumal seltsamerweise in jenem Moment vor meinem geistigen Auge diese Schlagzeile auftauchte: Alleinreisende junge Mutti auf Ischia von älterem Herren in bester konditioneller Verfassung verfolgt! Kurz gesagt, ich entschied, mich bedeckt zu halten. Mit dem Finger auf eine der Felswände weisend bekräftigte ich, ja, unser Hotel liege etwa in dieser Richtung.
„So so,“ hörte ich ihn sagen, „ich wohne in Panza. Es ist ein nettes Haus. Nicht direkt am Strand, dafür schön ruhig.“
Klar, es musste ja so kommen! Natürlich befand auch unser Hotel sich in Panza. „Ach wirklich?“ hörte ich mich erwidern, „Durch Panza sind wir auch schon einmal gefahren. Ein beschauliches Örtchen ...“ Meine Stimme klang erstaunlich ruhig.
Unser anschließender gemeinsamer Saunagang war gleichzeitig mein letzter. Das Baden in Sohle und Grotte zeigte Wirkung - ich fühlte mich wie ein ausgewrungener Waschlappen. Er werde „nur noch“ drei, vier mal hinein gehen, meinte das schweizer Urgestein. Offensichtlich hatte der Herr mit seiner konditionellen Verfassung stark untertrieben.
Nachdem ich die Kleine aus dem Kinderbecken gefischt hatte, verabschiedeten wir uns von dem freundlichen Mann, nicht ohne uns gegenseitig noch angenehmste Tage zu wünschen.
Ich weiß nicht mehr, was wir im Ristorante am Strand zu Abend gegessen haben, nur, dass meine Beine unwahrscheinlich bleiern und schwer waren.
Beim Einsteigen in den Bus hatte ich gleich den Eindruck, beobachtet zu werden. Es war dieses Gefühl, als würden fremde Augen ein kleines Loch in den Rücken brennen. Als ich mich umdrehte, wurde mir freundlich zugenickt – unsere Saunabekanntschaft. Ich zwang mich, zurück zu lächeln, obwohl ich fürchtete, die Busfahrt würde ein unerfreuliches Ende nehmen wird. Panza hatte nur eine Haltestelle und unglücklicherweise lag diese genau vor unserem Hotel. Wie peinlich, wenn wir gemeinsam mit ihm dort ausstiegen! Er wird sich vielleicht nichts anmerken lassen, aber insgeheim wird er mich als Lügnerin abstempeln. Ich war sicher – mir stand ein äußerst unangenehmer Moment bevor.
Langsam kletterte der Bus die kurvige Straße empor und brachte uns dem Ort meiner Schmach immer näher. Da schoss mir in letzter Sekunde eine rettende Idee durch den Kopf. Die Kleine blinzelte verschlafen, als ich sie vom Sitz hob. Sie war glücklicherweise zu benommen um zu realisieren, dass wir eine Haltestelle zu früh aus dem Bus sprangen. Müde winkte ich in den abfahrenden Bus. Das war gerade noch mal gut gegangen!
Am nächsten Morgen schmeckte uns das Frühstück besonders gut. Zufrieden an meinem Espresso nippend freute ich mich auf das Baden und Faulenzen am Strand. Als die Kleine begann, wild mit ihren Armen zu fuchteln, unterbrach ich meinen Kaffeegenuss. Ich kam jedoch nicht mehr dazu, sie zu fragen, was das soll, denn in diesem Moment hallte der Frühstückssaal von dem freudigen Schrei meiner Tochter wider:
„Guck mal Mutti, da hinten sitzt ja der Saunamann!“
Das „Grüezi miteinnand“ war unüberhörbar.
An den darauffolgenden Tagen besuchten wir noch einige Male gemeinsam die Saunagrotte und immer wurde es recht lustig. Ich glaube es lag daran, dass wir noch etwas an dem Begrüßungszeremoniell für die anderen Saunabesucher gefeilt hatten. Der Schlüssel zum Erfolg schienen die Palmwedel gewesen zu sein, mit denen die Kleine und ich den Gästen aus dem Dunkel über Nacken und Rücken kratzten, während der Höhlenbär sein beeindruckendes Brummen ertönen ließ. Und wir waren gut! Die Kleine fand die drei Italienerinnen besonders lustig, die kreischend versuchten, sich gleichzeitig durch die Tür der Grotte zu zwängen.
Ich musste über das Gehopse des bärtigen Belgiers am meisten lachen. Er soll sich von der kleinen Herzattacke recht schnell erholt haben.
Unsere schweizer Urlaubsbekanntschaft fand es sehr bedauerlich, dass wir schon abreisen mussten.
Die Dusche
Sie ist der kühlende Schwall,
der tosend an dir herabstürzt.
Sie ist der eisige Quell,
in den du zwischen erhabenen Bergriesen springst.
Sie ist der Schock, der dich elektrisierend durchzuckt,
während der glucksende Strahl bis in Deine kleinsten Fasern dringt.
Sie ist erlebbar gewordene Reinheit, die dich einhüllt,
um deinen Körper mit Frische zu beschenken.
Sie ist belebender Vorbote wohlig-warmen Genusses.
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