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Sauna-Krimi von Joachim Kind

 

Es waren an diesem Abend nur noch wenige Menschen in den Thermen und Frau Breithader genoß gerade den letzten Saunagang, als ein Mann durch das kleine Fenster hereinschaute, die Türe von außen verschloß und dann hämisch grinsend den Saunabereich verließ. Der Saunatäter hatte mal wieder zugeschlagen. Wie oft hatte Frau Breithader von ihm und seinen Taten in der Zeitung gelesen? Wieviel Opfer gingen wohl schon auf sein Konto? Nie hätte sie daran gedacht, dass es auch einmal sie treffen könnte. Und jetzt war es doch so gekommen. Was tut man in so einer Situation? Nur keine Panik! Leichter gesagt als getan. "Hilfe! Hilfe! SOS! Ich bin in der Sauna gefangen!" - Keine Reaktion. Die anderen Gäste waren wohl schon nach Hause gegangen. Sonntags war die Sauna nie gut besucht. Frau Breithader erinnerte sich. Der Saunatäter hatte auch in allen anderen Fällen immer sonntags zugeschlagen. Aber jetzt mußte sie sich eine Taktik überlegen, damit sie hier wieder heil heraus kam. Sie war ja schon öfter in der Sauna und kannte sich aus. Zunächst setzte sie sich auf die unterste Stufe. Halt! Noch viel zu warm. Auf dem Fußboden ist es noch um ein paar Grad kälter. Wenn man in dieser Situation überhaupt von Kälte reden kann. Frau Breithader überlegte weiter. In ca. 20 Minuten müßte die Saunaaufsicht mit dem Aufguß kommen. Die Sanduhr verriet ihr, dass sie schon seit drei Minuten in der Kabine war. Meistens blieb sie zehn bis zwölf Minuten drin. Das hieße, sie müßte heute elf Minuten länger aushalten als sonst. Das ist viel für einen Saunaaufenthalt. Aber heute saß sie ja nicht wie sonst oben auf der Holzbank sondern unten auf dem Fußboden. Noch 19 Minuten! Frau Breithader schaute sich um. Oben waren Lüftungsklappen angebracht. Nicht groß, aber immerhin. Wenn man sich auf die oberste Holzbank stellte, kam man gut an die Klappen heran. Gesagt getan! Frau Breithader schob beide Klappen auf. So gab es wenigstens ein bißchen Frischluft. Nun schnell wieder nach unten. Noch 18 Minuten. Ob die Saunaaufsicht wohl pünktlich kommt? Was ist, wenn der Saunatäter auch sie überfallen und eingesperrt hat? Immerhin hat niemand den Hilfeschrei gehört. Frau Breithader traute sich nicht, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Noch 17 Minuten. Ihre Gedanken kehrten zum Täter zurück. Dieses Grinsen! Irgendwo hatte sie dieses Grinsen schon mal gesehen. Der Täter war ihr sicher schon mal über den Weg gelaufen. Aber wo? Erfahrungsgemäß suchte er sich seine Opfer zufällig aus. So stand es jedenfalls in der Zeitung. Also konnte sie davon ausgehen, dass er sie nicht kannte. Wenn sie sich doch bloß erinnern würde. Ihr Blick kehrte zur Uhr zurück. Noch 15 Minuten! Jetzt wußte sie es wieder. Den Kerl hatte sie letzte Woche schon in der Sauna gesehen. Damals hatte er sie auch so angegrinst. Es war ihr richtig unangenehm. So ein unverschämter Kerl. Und jetzt das! Er hatte sich wohl erst einmal umgesehen und dann Pläne geschmiedet. Noch 14 Minuten. Frau Breithader fing an zu schwitzen. Hier unten dauerte es tatsächlich länger als sonst. Ein Glück. Hoffentlich kommt die Saunaaufsicht pünktlich! "Ich Idiot!" Frau Breithader hätte sich am liebsten irgendwohin gebissen. "Natürlich!" Da war doch noch der Notrufknopf in der Kabine. Schnell sprang sie auf lief zum Knopf, der an der gegenüberliegenden Wand befestigt war und drückte drauf. Draußen hörte sie ein Schellen. Das mußte das Alarmzeichen sein. Frau Breithader wartete. Nichts tat sich. Sie drückte noch mal. Wieder das Schellen von draußen. Und wieder keine Reaktion. Enttäuscht setzte sich Frau Breithader wieder hin. Noch 10 Minuten. Wie langsam die Zeit hier verging. Jetzt war sie ungefähr so lange in der Sauna wie sonst auch. Aber sonst ging sie jetzt nach draußen, konnte die frische Luft atmen und sich dann mit dem herrlich kalten Wasser abduschen. Das würde sie jetzt am liebsten auch tun. Aber die Saunaaufsicht ließ noch auf sich warten. Wenn sie überhaupt kam. Wer sollte das wissen? Frau Breithader überlegte weiter. Hatte der Saunatäter in all' den Fällen nur die Saunagäste eingesperrt oder auch das Personal? Sie konnte sich nicht erinnern. Vielleicht stand auch nie etwas darüber in der Zeitung. So genau hatte sie sich diese Meldungen ja auch nicht angesehen. Noch 9 Minuten. Wenn sie doch nur ein Handy hätte! Aber wie so viele ihrer Freundinnen hatte sie bisher so ein Gerät abgelehnt. Und wenn sie eins gehabt hätte: Ob sie es mit in die Sauna genommen hätte? Nein, das hätte sie ganz bestimmt nicht. Das hätte sie also auch nicht weiter gebracht. Der Schweiß lief ihr ins Gesicht. Hatte der Täter wohl die Temperatur höher eingestellt? Oder bildete sie sich das nur ein? Sie könnte aufs Thermometer schauen. Aber dafür müßte sie wieder aufstehen und nach oben klettern. Wieder in die Hitze! Nein, lieber unten bleiben. Noch 8 Minuten. Frau Breithader nahm ihr Handtuch und wedelte sich Luft zu. Aber statt einer Erfrischung wurde kam ihr nur die warme Luft entgegen. Das brachte also nichts. Und die Bewegung war ihr auch unangenehm. Sie sah sich wieder um. Vielleicht gab es ja doch noch eine Lösung für ihr Problem. Da stand der Eimer mit dem Saunaaufguß. Ob sie einen Aufguß machen sollte? Ein Aufguß würde die Lufttemperatur abkühlen. Sicher! Aber die Feuchtigkeit würde steigen und es würde ihr noch wärmer vorkommen als vorher. Also keinen Aufguß. Bloß nicht! Noch 6 Minuten. Wenn sie doch nur nicht so schwitzen würde. Frau Breithader badete ihre Hände in dem Eimer. Auch keine Erfrischung. Das Wasser war schon ziemlich heiß. Es mußte schon ziemlich lange hier gestanden haben. Logisch. Fast eine Stunde. Der Aufguß wird nur einmal stündlich durchgeführt. Die Aufsicht mußte den Eimer hier vergessen haben. Klar, dass es sich so aufheizt. Noch 5 Minuten. Wenn man doch nur die Zeit beschleunigen könnte. Noch 5 endlose Minuten. Wie sollte sie diese Zeit noch aushalten? Und dann der Durst. Frau Breithader leckte sich den Schweiß vom Arm. Salzig. Das war auch der falsche Weg. Aber da war ja noch der Eimer mit dem Wasser. Ob sie davon trinken sollte? Ihr schauderte. Wer weiß, welches Konzentrat für den Saunaaufguß diesmal enthalten war? Nein, lieber noch den Durst aushalten. Ob sie es schaffen würde? Langsam überkam sie die Angst. Noch 4 Minuten. Frau Breithader versuchte sich abzulenken. Aber wie? Schafe zählen? Oder lieber Schweißperlen? Kein guter Gedanke!. Auf welche verrückten Sachen man kommt, wenn man in einer Sauna gefangen ist. Sie mußte sich ablenken. Sie dachte an den letzten Urlaub zurück. Huch! Es war ein Strandurlaub am Mittelmeer. Jeden Tag hatte sie damals in der Sonne gelegen. Jetzt war ihr diese Erinnerung ziemlich unangenehm. Noch 3 Minuten. Der Durst wurde immer schlimmer. Frau Breithader tauchte ihre Hand in den Aufgußeimer und leckte ihn ab. Kamille. Da hatte sie ja noch einmal Glück gehabt. Sie nahm einen großen Schluck. Herrlich. Auch wenn es sehr warm war; die Flüssigkeit tat ihr gut. Jetzt konnte sie sicher noch ein paar Minuten länger aushalten. Sie nahm noch einen Schluck und sah wieder auf die Uhr. Noch 2 Minuten. Das würde sie bestimmt schaffen. Wasser war ja genug da. Ihre Gedanken gingen zurück zum Täter. Wie konnte man den wohl fassen? Ob es irgendwo ein Foto von ihm gab? Den würde sie sicher wieder erkennen. Aber natürlich! Am Eingang ist doch diese Videoanlage am Kassenautomat. Beim Kauf der Eintrittskarte mußte er gefilmt worden sein. So konnte man ihn schnappen. Jetzt grinste auch Frau Breithader. So freute sie sich, dass der Saunatäter gefaßt werden konnte. Und natürlich, dass sie es sein würde, die ihn identifiziert. Was konnte sie bei ihren Freundinnen prahlen. Noch 1 Minute. Gleich müßte die Aufsicht kommen. Frau Breithader würde sie freudestrahlend empfangen. Oder sollte sie sich beschweren? Immerhin hatte die Aufsicht auf das Alarmzeichen nicht reagiert. Das war nicht in Ordnung. Jetzt fiel es ihr auf. Wenn die Aufsicht auf das Alarmzeichen nicht reagiert hat, mußte etwas faul sein. Wieso hatte sie daran nicht gedacht? Sie hatte sich die ganze Zeit zu sehr auf die Aufsicht verlassen. Aber jetzt müßte sie kommen. Die Zeit war da. Aber es kam niemand. Schrecklich. Frau Breithader überkam eine Panik. Wenn sie nicht bald hier herauskäme, wäre es wohl aus. Das Wasser war inzwischen alle. Sie hatte es zu schlecht eingeteilt. Aber sie hatte sich ja auch darauf verlassen, pünktlich gerettet zu werden. Vor lauter Verzweiflung schlug sie auf die Saunabank ein. Eine Latte brach ab. Auch das noch! Aber was spielte das eigentlich jetzt noch für eine Rolle? Frau Breithader legte sich ganz auf den Boden. Sie versuchte, die frische Luft einzuatmen, die unten durch den Türspalt zwischen der Türunterseite und dem Fußboden hereinströmte. Jetzt sah sie auch den Keil, den der Kerl von außen angebracht hatte. Sie hatte wohl keine Chance, den von innen wegzuschieben. Wirklich nicht? Plötzlich hatte sie eine Idee. Es war vielleicht ihre letzte Rettungsmöglichkeit. Wieso war sie nicht vorher darauf gekommen? Wie ein Blitz griff sie nach der abgebrochenen Latte. Mit der gesplitterten Seite nach vorne, schob sie diese langsam und mit viel Gefühl durch den Türspalt. Fehlversuch! Also noch mal. Wieder daneben. Jetzt bloß nicht aufgeben! Sie versuchte es zum dritten mal. Die Latte verklemmte sich. So ein Pech aber auch. Wütend auf sich selbst und auf die ganze Situation nahm sie den Aufgußeimer und schlug von der anderen Seite gegen die Latte. Diese Tür mußte doch aufzukriegen sein. Beim dritten Schlag gab es einen lauten Knall. Die Tür flog auf und schlug gegen die Wand. So schnell hatte Frau Breithader noch nie die Sauna verlassen. Sie war gerettet! Schnell ging sie zur Dusche um sich abzukühlen. Jetzt hörte sie die leisen Rufe, die von der zweiten Sauna gegenüber kamen. Sie ging hinüber. Und noch einmal die Rufe! Sie kamen direkt aus der Kabine. Diese war auch mit einem Keil verschlossen. Klar, dass die Saunaaufsicht nicht kommen konnte. Sie war hier mit den anderen beiden letzten Saunagästen ebenfalls in der Sauna gefangen worden. Frau Breithader zog den Keil raus und öffnete die Tür. Alle waren noch bei Bewußtsein und kamen eilend heraus. Die Saunaaufsicht verständigte nach einer kühlen Dusche die Polizei und zeigte Frau Breithader die Videobänder vom Kassenautomat. Da war er. Dieses Gesicht hatte sie sich gemerkt. Es war eine gute Aufnahme. Sie würde für eine Polizeifahndung ausreichen. Damit würde man den Saunatäter sicher bald fangen. Und Saunabesuche sollten dann keine Gefahr mehr darstellen. Aber war nicht etwa für Frau Breithader nicht die Lust am Saunabad vergangen? Keineswegs! Schon nach einer Woche war sie wieder da und erzählte stolz, wie sie den Täter auf dem Video erkannt hatte. So einen richtigen Saunafan kann eben nichts von einem Saunabad abhalten! © Hans-Joachim Kind