Wärme ist gut, Kälte ist besser
Sebastian Kneipp erlebt eine Renaissance
Was verbinden Sie mit „Kneipp?“, fragte heiss+kalt Saunagäste. „Kneipp-Fußtretbecken“ wurde da genannt und auch „der kalte Schlauchguss nach Kneipp“. Viel mehr war da nicht. Mit diesem Alltagswissen reisten der in Köln tätige Saunameister Frank Theilen und die Herausgeberin von heiss+kalt, Martina Frenzel, nach Bad Wörishofen. Eine Spurensuche.
Spurensuche in Bad Wörishofen
Das am Alpenrand gelegene Bad Wörishofen sieht auch abends verträumt aus, besonders wenn es verschneit ist. Das Sebastianum, die noch von Sebastian Kneipp gegründete Kurklinik, dient uns als Hotel. Eine Übernachtung dort hat den Vorteil, gleich am historischen Puls des Kneipp-Geschehens zu sein. Von einer zuvorkommenden Schwester des „Ordens der barmherzigen Brüder“ abends begrüßt, tauchen wir am nächsten Tag beim Frühstück im alten getafelten Speisesaal in die historische Kneipp-Welt ein. Schon nach wenigen Stunden wissen wir, dass Sebastian Kneipp nicht nur mit den nach ihm benannten Wassertretbecken zu tun hat, sondern auch mit Wellness und Naturheilkunde. In den Räumen des Kneipp-Instituts treffen wir Prof. Dr. Dr. Jürgen Kleinschmidt, Leiter des Fachbereichs Kurortmedizin im Institut für Gesundheits- und Rehabilitationswissenschaften der Universität München, und den Geschäftsführer des Kneipp-Instituts, Detlef Jarosch.
„Die Kneipp´sche Naturheilkunde ist das einzige mitteleuropäische ganzheitliche Naturheilverfahren,“, erläutert Detlef Jarosch. „Und diese ist heute wieder hochaktuell. Die Menschen suchen etwas Authentisches, Nachhaltiges, und Anwendungen, die sie auch zu Hause weiterführen können.“ Im Zusammenhang mit „Medical Wellness“ erlebt Kneipp eine Renaissance. Schon lassen sich erste First-Class-Hotels in Bezug auf Kneipp´sche Anwendungen zertifizieren und bieten Kneipp mitsamt ihrer Philosophie an. So unter anderem das Hotel Fontenay in Bad Wörishofen oder Schüles Gesundheitsresort & SPA in Oberstdorf.
Sebastian Kneipp ist in Bad Wörishofen überall präsent. Hier sind Gegenwart und Zukunft gleichermaßen lebendig. Viele Hotels und Kurkliniken werden nach modernsten Richtlinien im Sinne von „Medical Wellness“ umgebaut. Auch das Kneippianum, die zweite von Sebastian Kneipp gegründete Kurklinik, eröffnet demnächst völlig neu renoviert als KneippSpa. Das Hotel Fontenay lädt nach einem Trip vorbei an Kurhaus und durch den Park zur Erholung ein. Die Arme werden ins kalte Armwasserbecken gehalten – eine echte Kneipp-Anwendung in wohliger Wellness-Atmosphäre. Jahrzehntelang wurden Kneippbecken in Deutschland entfernt, hier werden sie wieder Teil des Wellnessbereichs.
„Ein städtisches Bad in Köln hatte früher noch alte Kneipp-Becken, die aber der Renovierung zum Opfer fielen“, erzählt Saunameister Frank Theilen. Zur Zeit der Renovierung in den 90er Jahren galt Kneipp als veraltet, kein Wunder, denn diese Becken waren kalt und unpersönlich. Das etwas spießige Flair, das viele mit Kneipp assoziieren, hat allerdings weniger mit dem Begründer Kneipp selbst zu tun (seine Biografie klingt eher amüsant und ist voll von ironischen Weisheiten), als mit dem, was in den 50er und 60er Jahren aus seinen Anwendungen gemacht wurde.
Wellness und Kneipp
Wer das Wellness-Modell von Travis (siehe Abbildung) mit dem Fünf-Säulen-Konzept von Kneipp vergleicht, wird erstaunliche Gemeinsamkeiten feststellen. In beiden Modellen für ein körperlich-seelisches Gleichgewicht des Menschen spielen Bewegung, ausgewogene Ernährung und ein harmonischer Lebensstil eine große Rolle. Während bei Kneipp Kräuter und Wasser-Anwendungen zusätzlich als heilende Kraft dominieren, hat man in vielen Wellness-Philosophien asiatische Therapien im Blick. Auch bei der geistigen Kraft gibt es Parallelen.
War das heutige Wellness-Gedankengut schon zu Kneipps Zeiten vorhanden, wo sind die Gemeinsamkeiten, und wo sind die Unterschiede? Das wissen Detlef Jarosch und Prof. Kleinschmidt. „König Ludwig war ja schon damals ein Verfechter des eher passiven Wellnessgedankens, auch wenn das damals natürlich nicht so hieß. Kneipp hat dagegen die aktive Abhärtung bevorzugt wie zum Beispiel die Aufforderung „du musst zuerst einmal warm werden und dazu Holz hacken. Und dann wird kaltes Wasser zum Abkühlen und Abhärten verwendet.“
Lust auf Kälte
Trotz aller Abhärtungsgedanken war Sebastian Kneipp (1821-1897) in Bezug auf Kälte gar nicht so extrem, wie man gemeinhin annimmt. „Kneipp war eigentlich ein Softie in Bezug auf Kälte“, meint Prof. Kleinschmidt schmunzelnd. „Im Gegensatz zu seinem Hoppla-Hopp-Zeitgenossen Prießnitz hatte Kneipp ein Gespür dafür, was für welche empfindlichen Menschen zu extrem ist, und sich im Laufe seiner Wörishofener Erfahrungen mehr und mehr darauf eingestellt, indem er Wechselgüsse und sogar nur lauwarme Anwendungen eingeführt hat. „Wasserdoktor“ Vincenz Priesnitz (1799-1851) dagegen war der eigentlich harte Verfechter der plötzlichen Übergießungen mit kaltem Wasser.“ „Wellness im ursprünglichen Sinne passt sehr gut zu Kneipp“, ergänzt Detlef Jarosch. „Es gibt bei Kneipp ja immer die aktive Seite: Ernährung, Bewegung, was zu vielen Wellness-Anwendungen eine gute Ergänzung darstellt. Vieles, was Kneipp gesagt hat, ist heute aktueller denn je.“
Auch viele Wellness-Weiterbildungs-Institute integrieren die Kneipp´sche Lehre heute in ihre Angebote. So auch die Schule medi wellness, Köln bei der praxisorientierten Weiterbildung zum „Sauna&Bäder Professional“. Maria Hasenstab, Dozentin für die Kneipp´sche Lehre dazu:
Wer sich heute gegen einen verwässerten Begriff von Wellness und Massenabfertigung richtet, hat im Kneippschen Denken ebenfalls praktikable Vorbilder: „Kneipp hatte immer den Einzelnen und seine Individualität im Blick. Er hat in die Entwicklung seiner Ideen miteinbezogen, wie unterschiedlich die Menschen sind – und dass jede Therapie auf diesen Einzelnen abgestimmt sein muss.“ Mit diesen Gedanken im Kopf entdecken wir im Kneipp-Museum einen witzigen und für seine Zeit in vielem revolutionären Sebastian Kneipp.
Philosoph und Kulturrevolutionär
Würde Sebastian Kneipp heute leben, hätte er zur Diskussion um die Gesundheitsreform sicher einiges beizutragen. Gewiss würde er Pharmakonzerne und deren Medikamente kritisch unter die Lupe nehmen und auch heute empfehlen, was er damals schon tat: Für die meisten Menschen reichen Kräuter aus der Natur und kostengünstige Wasser-Anwendungen. Die wenigsten wissen, was Sebastian Kneipp neben dem Erfinder von Wasserbecken und Anwendungen noch war. Er trat als Theologe, Philosoph, eine Art Robin Hood für die Gesundheit der Armen und eben auch Erfinder auf. Wer würde annehmen, dass viele seiner Regeln aus der Not heraus entstanden?
Der 1821 als Sohn eines Landwebers geborene Kneipp musste schon mit zwölf Jahren täglich im Keller fünf Ellen Leinwand weben. Er schreibt: „Wer nicht arm geboren und nicht arm erzogen ist, wird nie recht das Schicksal erfassen, das den Armen trifft.“ Er kämpfte mit allen Mitteln um sein ersehntes Ziel, Pfarrer zu werden. Nachdem er aber sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg nach ständigem Lernen das Gymnasium absolviert hatte, wog er nur noch 60 Kilogramm und war so schwach, dass der Arzt ihn schon als dem Tod geweiht sah. „War ich früher an viel schwere körperliche Arbeit gewöhnt, hatte ich auch die beste, einfachste, starke Landkost, Winter und Sommer viel Bewegung und frische Luft. (…) So fühlte ich mich jetzt von Woche zu Woche müder und abgeschlagener, es schwand Appetit und Schlaf und ich kam soweit, dass ich in der dritten Gymnasialklasse die Hälfte der Zeit im Bett zubringen musste.“ Die entscheidende Wendung ist seine Entdeckung des kleinen Bändchens über „Krafft und Wirckung des frischen Wassers“ von Johann Siegemund Hahn aus dem Jahr 1749.
Kneipp verschlingt das Bändchen und nimmt davon inspiriert Tauchbäder in der eiskalten Donau. Im Studentenheim ging er später in die Waschküche, wo er „teils ein Halbbad, teils eine Gießung“ vornahm. Nach seiner Genesung heilte er später auch einen anderen Kommilitonen. „Wir hatten nur e i n e Verlegenheit, wer gestattet uns, Anwendungen vorzunehmen? Und zweitens wo? Ich fand eine Gelegenheit. Im Seminarhofe war unweit des Blumenhauses ein Bassin mit stets frischem Wasser.“ Um Mitternacht oder sogar später stiegen sie aus dem Hörsaal zum Fenster hinaus. Der Student Kneipp holte eine Gießkanne des Gärtners und begoss den kranken Kommilitonen bei 10 bis 12 Grad. Das Ergebnis: „Der gute Herr bekamt Feuer und Blut und wurde zur allgemeinen Freude gesund.“
Er experimentierte an sich und anderen, und entwickelte Bäder, Wicklungen und Waschungen hauptsächlich aus eigenen Erfahrungen heraus. Er tat dies heimlich und nie - auch später nicht - gegen Bezahlung. Schließlich war ihm verboten worden, als Heilpraktiker zu wirken, wenn er nicht eine Exmatrikulation riskieren wollte.
Im Hauptberuf wird er schließlich zum Priester geweiht, Kaplan und schließlich Beichtvater im Kloster der Dominikanerinnen Bad Wörishofen. Obwohl er bedrängt wird, das Heilen und Kuren aufzugeben, ergibt sich immer wieder ein Grund, die Wasserkur wieder aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Und dabei spielt die Not der kranken Armen eine große Rolle – auch wenn nach und nach ebenfalls mehr Wohlhabende zu ihm kamen, um sich heilen zu lassen.
Während Kneipp anfangs vom Bezirksamt noch verklagt wird, als „Pfuscher“ tätig zu sein, kommen später Ärzte nach Bad Wörishofen, um mit ihm gemeinsam die Wasserkuren und das Fünf-Säulen-Modell zu entwickeln. Der Pfarrer Kneipp war dann sogar Gründungsmitglied im noch heute bestehenden Kneipp-Ärztebund.
Bis zum Ende seines Lebens bereiste er die halbe Welt, um seine Vorträge über Wasserkuren und Naturheilkunde zu halten. Selbst der Papst interessierte sich für seine Kur und wurde von ihm besucht. Doch wer glaubt, die Geschichte würde enden wie die hinlänglich bekannten Geschichten vom „Tellerwäscher zum Millionär“, der irrt. Alles Geld, das Kneipp verdient, steckt er in die Stiftungen. Die Kurkliniken wie das für Heilung suchende Geistliche erbaute Sebastianeum und das Kneippianum sind bei seinem Tod längst an den Orden der Barmherzigen Brüder übergeben worden. Persönlicher Reichtum war ihm nie wichtig und als Sebastian Kneipp stirbt, so heißt es, besitzt er persönlich nichts. Umso mehr haben seine Anhänger die „geistigen Reichtümer“ geschätzt und geschützt und haben mit Kneippbund und Kneipp-Kurorten seine eigenständige Kneippsche Philosophie und Kultur weiterentwickelt.
Seite 9 oben
Wie kommt der Kneipp-Schlauch in die Sauna?
In Finnland ist die Abkühlung nach der Sauna eine einfache Sache: man springt in den kalten See. In Deutschland haben sich Abkühlanlagen, darunter Kneipp´sche Fuß- und Armbecken wie auch Gussvorrichtungen in der Sauna etabliert. Martina Frenzel fragt Prof. Dr. Dr. Jürgen Kleinschmidt,
„Wie ist die Sauna in Deutschland in der Entwicklung nach 1947 zum Kneipp´schen Schlauchguss gekommen?“
„Dr. Fritzsche, der die klassische Sauna in Deutschland entscheidend mit verbreitet hat, interessierte sich ursprünglich nur für die Überwärmung beim Saunabaden, weniger für die Abkühlung. Als dann insbesondere Herr Prof. Werner an der Technischen Universität München in einer Studie nachwies, dass die immunstimulierende Wirkung der Sauna hauptsächlich mit der Abkühlphase zusammenhängt, begann man, sich mehr mit den verschiedenen Formen der Abkühlung zu befassen. Dabei griff man dann auch auf das Kneipp´sche Wissen und seine Lehren zurück. Seitdem ist gang und gäbe, dass jede Sauna sowohl Kneippbecken als auch Kneippschlauch installiert hat. Trotzdem wissen viele Saunagänger gar nicht, dass man es schon eines Know-How bedarf, um Kneipp-Güsse richtig anzuwenden.“
Was würde Sebastian Kneipp Saunagängern heute empfehlen?
Wärme ist gut, Kälte ist besser. Da aber die Differentialempfindlichkeit unserer Thermorezeptoren möglichst krasse Temperaturunterschied als Reize bedingt – das würde der als Pfarrer ausgebildete medizinische Quereinsteiger Kneipp natürlich nicht so ausdrücken –, ist eine hinreichende Erwärmung die Vorbedingung für eine optimale Wirksamkeit nachfolgender kalter Güsse, Fuß- oder Armbäder.
|