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Sind wir doch froh, dass wir sie los sind!

Sinn und Unsinn der Geschlechterrolle

Von Peter Kropka

Kennen Sie das? Eine Frau schaut Ihnen triumphierend ins Gesicht! Die Urteile über die „Männer“ nehmen kein Ende: „Männer haben kein Körpergefühl!“ – „Männer achten nicht auf ihre Gesundheit!“ – „Männer gehen zu selten und meistens zu spät zum Arzt!“ Andererseits dann wieder: „Männer sind Hypochonder!“ – und wieder das triumphierende Gesicht einer Frau, die mit diesen ihren Vorurteilen ganz im Reinen ist. Das nervt!

Was steckt dahinter? Die Funktionen von Männern haben sich im vergangenen Jahrhundert sehr verändert. Bis zum Ersten Weltkrieg war es toll, wenn ein Mann Soldat war. Uniformen kamen gut an und waren beliebt, wie viele schöne Szenen in Romanen oder Filmen zeigen. Das begann sich zu ändern mit dem Ersten Weltkrieg, und spätestens mit dem Zweiten war es anders geworden. Soldaten sind ein notwendiges Übel, machen aber kaum noch etwas her. Das änderte viel an der Rolle der Männer. Bis dahin war es wichtig, dass ein Mann seine Angst vor dem Tod überwinden konnte. Darin lag seine männliche Ehre. Schiller sagte: „Wer dem Tod ins Angesicht schauen kann, der Soldat allein ist ein freier Mann.“ Heute dagegen will man frei sein, nicht weil man seine Angst vor dem Tod überwinden kann, sondern weil man sein Leben für sich gewinnen will. Am gesellschaftlichen Bild der Männer hat das viel geändert.

Die zweite Veränderung hat erst in den letzten Jahrzehnten angefangen und ist noch nicht abgeschlossen. Bis in die 70er Jahre war körperlich schwere Arbeit viel wichtiger als heute, und sie war mit bestimmten Fähigkeiten verknüpft. Solche Arbeiten und mit ihnen die entsprechenden Fähigkeiten werden oft rationalisiert und  in von Computern gesteuerten Maschinen programmiert. Körperlich schwere Arbeit verliert ihre gesellschaftliche Bedeutung. Auch dies hat das Bild der Männer in der Öffentlichkeit geändert.

In beiden Fällen wird ein bestimmtes Verhältnis der Männer zu ihrem Körper geformt. Im Falle des Soldaten ist es der Wille, sich selbst auch im Tode zu behaupten. Man darf sich nicht dadurch lenken lassen, dass man am eigenen Körper, am eigenen Leben unmittelbar bedroht wird. Man muss die Angst um den eigenen Körper und das eigene Leben überwinden. Das hat das Verhältnis der Männer zu ihrem Körper jahrtausendelang geprägt. Es ist nicht „kein“ Verhältnis zum eigenen Körper, sondern ein Verhältnis, das manche Sozialwissenschaftler heute offenbar nicht mehr erinnern.

Auch die schwere körperliche Arbeit führt zu einem bestimmten Verhältnis zum eigenen Körper, vor allem zur eigenen Kraft. Auf einer documenta in Kassel wurde dazu ein Kunstwerk gezeigt: Handwerkliche Arbeiten mit entsprechenden Werkzeugen wurden in der Form von Fitnessgeräten nachgestellt. Das erinnerte an ein bestimmtes Verhältnis der Männer zu dieser Art von „Fitness“, das zum Leben vieler Männer gehörte. Fitness war – über die handwerkliche und körperliche Arbeit – eine selbstverständliche Lebensbedingung vieler, ja der meisten Männer. Das ist nicht mehr so.

Die Frauen hatten lange Zeit Hausarbeit zu verrichten. Maschinen haben diese Arbeit vermindert und die entsprechenden Fähigkeiten entwertet. Frauen wollen heute einer Arbeit außer Haus nachgehen. Auch bei Männern ist heute Anderes gefragt als die Fähigkeiten, die bis vor kurzem das Leben der Männer bestimmten. Diese anderen Fähigkeiten lernen Männer jetzt. Sie haben damit im Moment mehr Umstellungsarbeit als Frauen.

Viele „männliche“ Eigenschaften werden heute in den Medien lächerlich gemacht: Väter sind schwach und Gegenstand des Spotts. Helden werden demontiert und depotenziert, das heißt, des eigenen Wertes, der eigenen Kraft, ja sogar ihrer Potenz beraubt. Da kommen manche zu recht auf den Gedanken: Da muss mann etwas gegen tun, denn viele Männer leiden darunter. Sie haben wichtige gesellschaftliche Identifikationsfiguren nicht mehr. Mann muss heute die Männlichkeit hochhalten, sagen sich viele mit Recht. Manche tun das, indem sie die Tradition „männlicher Werte“ uminterpretieren und für die Gegenwart passend machen wollen. Das halte ich für einen ungeeigneten Weg. Ich denke: Es ist falsch, eine solche Geschlechterrolle wieder aufzubauen, der sich die Männer unterordnen können sollen.

Sind wir doch froh, dass wir sie los sind! Und lassen wir uns durch solche allgemeinen Charakterisierungen nicht den Spaß an unserem Leben verderben. Die meisten von uns müssen nicht mehr unmittelbar dem Tod ins Auge sehen. Die körperlich anstrengende Arbeit wird weniger. Beides ist gut so. Die Alternative? Genießen wir Fitness, Wellness und unser – individuelles entlastetes – Körpergefühl. Ich habe mir jüngst eine Thalasso-Ganzkörpermassage angedeihen lassen. Es war ein Genuss, dessen entspannende und wohltuende Wirkung lange angehalten hat. Ich habe meine Haut gespürt, und wohltuende Hände, die mich mit Salz und Öl eingerieben haben, das Salz wurde danach mit warmen Wasser abgespült. Es war eine Lust ganz eigener Art, meine Haut und darin mich so zu spüren. Und meine Haut – wenn man so will – hat es mir gedankt. Sie fühlte sich erfrischt, weich und lebendig. Sie war belebter und durchbluteter. Das hat erstaunlich lange angehalten, und jetzt wird es bald Zeit, so eine Behandlung zu wiederholen.

Da habe ich nicht darüber nachgedacht, dass ich als Mann … und ich habe auch nicht ein Körpergefühl als Mann gehabt, sondern ich habe mich wohl gefühlt mit und in mir selbst. Ich war nicht ein Mann, sondern ich war männlich. Und das ist vielleicht der Weg in die Zukunft: Wir Menschen sind vielleicht nicht mehr in erster Linie Männer und Frauen, sondern in erster Linie solche Individuen, die männlich sind, und solche, die weiblich sind. Und da liegt, wenn mann jetzt in die Geschichte zurückschaut, wieder eine große Stärke der Männer, dass sie sich nicht als Männer verstanden haben, sondern als Individuen, die männlich sind, als individuelle, männliche Menschen.

Über das Verhältnis der Geschlechter

Interview mit Professor Vinnai von der Universität Bremen

 

h+k: Herr Prof. Vinnai, in den 70er Jahren schrieben Sie ein Buch über Männlichkeit, das damals viel Beachtung fand. Hat sich das Bild von Männlichkeit, haben die „Männer“ sich seitdem geändert?

Prof. Vinnai: Ja, das Geschlechterverhältnis hat sich verändert. Männer können heute weit stärker als damals traditionell „weibliche“ Anteile an sich selbst akzeptieren, beispielsweise weinen oder auch Schwächen zeigen. In mancher Hinsicht gibt es sogar eine Angleichung der Geschlechter beispielsweise bei der Körperpflege oder beim Sport.

h+k: Hat diese Öffnung der Geschlechterrollen auch problematische Seiten?

Prof. Vinnai: Ja, mit der Verschärfung der ökonomischen Konkurrenz wird beispielsweise auch eine gewisse Härte und Robustheit von Männern verlangt, die dann in Widerspruch zu diesen weiblichen Seiten tritt. Männer leiden unter diesen Widersprüchen.

h+k: Ist das „Weibliche“ denn immer erstrebenswert?

Prof. Vinnai: Auch die weiblichen Anteile selbst haben problematische Seiten, Männer lernen auf diese Weise auch die Formen weiblicher Anpassungsbereitschaft. In bestimmten Berufen wird heute gefordert, dass man sich sehr sensibel anpassen kann, das hat Vor- und Nachteile. Männer sollten ja – ebenso wie Frauen – trotzdem „ihren Mann stehen“ können und konfliktfähig sein.

h+k: Was verbinden Sie mit Wellness?

Prof. Vinnai: Ein wichtiger Aspekt von Wellness ist für mich, zur Ruhe zu kommen und diese Ruhe auch zu ertragen. Die hektische Betriebsamkeit dient ja auch häufig der Angstabwehr. Viele Menschen haben Angst vor der Ruhe und der Leere, die sich mit ihr einstellen könnte. Wellness kann – wenn es nicht erneut auf zu viel Erlebnis setzt – eine positive Rolle spielen, gerade für Männer.

h+k: Wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch!

 

 

 
 
 
 
 
     
 
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