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Eintauchen, untertauchen und ankommen

Die Bewegung im Wasser hat eine vielfältige Bedeutung für die Menschen

Von Martina Frenzel

Das Thema Wasser und seine Bedeutung für den Menschen ist in aller Munde. SPA, Sanus per aquam (Gesundheit durch Wasser) – kaum eine aktuelle Zeitung oder ein Magazin, in dem man nicht auf diese geflügelten Worte stößt. Dabei geht es um Trinken, Entspannung und Mineralstoffe. Nur die Bewegung im Wasser, das gute alte Schwimmen, scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Schwimmen ist nicht hip, kommt nicht gegen Modethemen wie Aqua-Cycling, Aqua-NordingWalking, Surfen oder Tauchen an. Viele Badleiter kämpfen heute für Erhaltung oder Erweiterung Ihrer Sportbecken. Ist Planschen und Entspannung im Wasser für Wellnessfreunde ausreichend?

heiss+kalt begab sich wieder einmal auf Spurensuche. Redakteur Robert Woltmann geht der Geschichte des Schwimmens auf den Grund und fragt nach der Bedeutung, die das  Schwimmen in der Kulturgeschichte der Menschheit hat(te). Er besucht ganz aktuell Kinder-Schwimmkurse und fragt: Stimmt es, dass 30 Prozent der Kinder heute nicht mehr schwimmen können, wie die DLRG in einer reißerischen Meldung bekanntgab?

Schwimmen ist nicht nur gesund und von Vorteil, wenn man in tiefes Wasser gerät. Die Faszination der Bewegung im Wasser ist mit sportlichem Ehrgeiz allein nicht zu erklären.

„Zeit und Raum wird eins im Wasser, die Zeit scheint stillzustehen“, erzählen begeisterte Schwimmer. Die Bewegung im Wasser berührt etwas Archaisches im Menschen, vielleicht auch, weil er ja schließlich schon als Ungeborenes im Mutterleib eng mit dem Wasser in Berührung kommt. Oder, wie es ja häufig zitiert wird, selbst etwa zu 63 Prozent aus Wasser besteht.

Was bedeutet Wasser für das Gefühlsleben der Menschen?

Für die Psychoanalyse steht Wasser im Traum für das Unbewusste, in der christlichen Religion ist es das Symbol für Reinigung und Wiedergeburt. Andere wiederum verbinden Wasser mit Sinnlichkeit. Immer neue Thermen werden gebaut, Thermalwasser unterschiedlichster Qualität und Wirkungsweise fördert als uraltes Heilmittel die Gesundheit der Gäste. Über Arten und Wirkungsweise von Thermalwasser werden wir in der nächsten Ausgabe berichten.

Doch jetzt wünschen wir erst einmal viel Spaß beim Thema Schwimmen. Räkeln Sie sich auf der Ruheliege, in  der Sauna oder im sommerlich blühenden Garten und begeben Sie sich mit uns auf die Reise in Neptuns Reich. Eintauchen, untertauchen und ankommen …

 

Besuch in Neptuns Reich – Eintauchen in die Geschichte des Schwimmens

Schwimmen zu können scheint uns heute wie selbstverständlich, dabei ist es eine der ältesten Kulturleistungen des Menschen. Mehrmals ging im Laufe der Zeit das Wissen hierüber verloren. Heute steigt die Zahl der Nichtschwimmer wieder deutlich an. heiss+kalt-Redakteur Robert Woltmann begab sich auf historische Spurensuche und sprang gleich selbst ins kühle Nass.

Da ist es wieder: Das gleichmäßige Rauschen und Plätschern der Filteranlagen und die spitzen Schreie vergnügter Kinder. In die Nase steigt der dezent stechende Geruch des Chlors, und schließlich sehe ich es. Verführerisch blau liegt das 25 Meter lange Edelstahlbecken vor mir. Glück gehabt – die erste Bahn ist durch ein Schild für „Sportschwimmer“ reserviert – und sie ist leer!

Nach der Sauna, raus aus den Badeschuhen und dann ein Sprung ins kühle Nass. Das Wasser umfängt den Körper, sein sanfter Druck vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit, und sein mit perlenden Luftblasen durchsetztes Blau beruhigt. Schon nach wenigen Bahnen verfliegt die anfängliche Kühle. Dahingleitend fühle ich, wie die Strömung meinen Körper massiert, und genieße das Gefühl, mich aus eigener Kraft im Wasser voranzubewegen. Der Geist wird ruhiger und die Gedanken klarer. Für eine gewisse Zeit bin ich einfach nur im Jetzt. Das zeitlose Glücksgefühl steigert sich zur Euphorie und lässt die Anstrengung leichter erscheinen. Schwimmen! Es ist, als hätte ich nie etwas anderes getan. Das nasse Element verlassend steige, ich schließlich aus dem Becken, den Duschen entgegen. Die Erde hat mich wieder.

Müde, entspannt, mit großem Appetit und Vorfreude auf den tiefen Schlaf dieser Nacht.

Es scheint ein uraltes Bedürfnis zu sein. Wann die Menschen anfingen zu schwimmen, weiß heute niemand genau zu sagen, aber überall wo Menschen am Wasser lebten, war es ein großer Vorteil, wenn sie schwimmen konnten – wenn nicht sogar lebenswichtig. Die Geschichte des Schwimmens dürfte daher so alt sein wie die Menschheit selber.

Die ältesten Zeugnisse von schwimmenden Menschen fand man ausgerechnet an einem Ort, an dem Wasser heute eine Seltenheit ist. In einer Höhle des Gilf Kebir in der Libyschen Wüste, einem Teil der Sahara, gibt es Felsmalereien, die kurz nach Ende der letzten Eiszeit entstanden. Die etwa 8000 Jahre alten Zeichnungen lassen Schwimmer erkennen, die einen Gleichschlag ähnlich wie beim Brustschwimmen ausführen.

Es gilt als sicher, das unsere Vorfahren schon in der Steinzeit gute Schwimmer waren. Beim Jagen oder auf der Flucht schwimmen zu können bot einen klaren Vorteil im Kampf ums Überleben. Fast alle heute noch existierenden Naturvölker können schwimmen. In verschiedenen Kulturen jedoch wurde diese Kunst oft neu gelernt, um dann wieder vergessen zu werden.

In der Antike war die Kunst des Schwimmens den Wissenschaften gleichgesetzt

Athen 400 v. Chr. Die Bürger der Stadt haben sich auf dem Marktplatz versammelt. Es gilt das Wahlamt des Strategen neu zu besetzen. Da geht ein Raunen durch die Menge, Unmut macht sich breit. Es geht das Gerücht um, der Bewerber könne nicht schwimmen. Damit ist er für die Mehrheit der Bürger ungeeignet für dieses hohe Amt. Am Ende wird er nicht gewählt. So ähnlich könnte sich diese Szene im antiken Griechenland abgespielt haben. Was heute undenkbar scheint, war damals durchaus ernst. Von Platon ist ein Erlass überliefert, nachdem kein Mann ein hohes Amt besetzen durfte, der nicht schwimmen konnte.

In der Antike war Schwimmen als Kunst den Wissenschaften gleichgestellt. Wer es nicht beherrschte, galt ebenso als ungebildet wie jemand, der sich nicht in Philosophie auskannte. „Er kann weder lesen noch schwimmen“, ist eine Redewendung die aus dieser Zeit stammt.

Bereits im Alten Ägypten gehörte Schwimmen zum guten Ton. Die meisten Menschen, Männer wie Frauen, schwammen. Als Kulturtechnik wurde es gelernt und gepflegt. Viele Quellen legen nahe, „dass Schwimmer in eine höhere Kulturstufe eingeordnet wurden als Nichtschwimmer“, schreibt der Sporthistoriker Wolfgang Decker. Könige und anderer privilegierte Personen hatten eigene Schwimmlehrer.

Rom – Schwimmen wird Teil der militärischen Ausbildung

Auch bei den Römern genoss, wer schwimmen konnte, hohes Ansehen. Während der Adel jedoch eher der Badekultur frönte, gab es seit 387 v. Chr. eine Schwimmausbildung beim Militär. Nach einer herben Niederlage bei der Schlacht am Allia, bei der über die Hälfte des vor den Galliern zurückweichenden Heeres in dem kleinen Nebenfluss des Tiber ertrank, führte man Schwimmunterricht als festen Bestandteil der militärischen Grundausbildung ein. Dabei spielte der Überlebensvorteil nicht die einzige Rolle. Auch zur Überbringung von Botschaften und bei der Manipulation feindlicher Anlagen boten schwimmende Soldaten einen großen strategischen Vorteil. Erst während der Kaiserzeit (27 v. Chr. - 476 n. Chr.) statteten die Römer ihre Thermen mit größeren Schwimmbecken, so genannten Natationes, aus.

Auch die Germanen waren gewandte Schwimmer. Sie hielten Wettkämpfe ab und schwammen zu jeder Jahreszeit. Ihre dem heutigen Kraulstil ähnelnde Schwimmtechnik war so geschickt, dass sie der der Römer mehr als ebenbürtig war. Als im Jahre 15 v. Chr. der römische Feldherr Germanicus bei Fritzlar die Eder überschreiten wollte, scheiterte er. Junge germanische Schwimmer hatten den Brückenbau erfolgreich sabotiert.

Im körperfeindlichen Mittelalter geht die Schwimmkultur baden

Das wehrpädagogische Motiv des Schwimmens blieb bis ins frühe Mittelalter erhalten. Zur Hochzeit der Ritter wurde die Kunst des Schwimmens gepflegt. Neben Reiten, Bogenschießen, Fechten, Jagen, dem Schachspiel und der Dichtkunst war das Schwimmen eine der „sieben ritterlichen Künste“.

Ursprünglich mussten Ritter in voller Montur schwimmen können. Da dies mit den schwerer werdenden Rüstungen aber bald unmöglich wurde, schwand die Bedeutung des Schwimmens allmählich. Es wird vermutet, dass der Stauferkaiser Friedrich I, besser bekannt unter dem Namen Barbarossa, im Jahr 1190 aufgrund seiner schweren Rüstung im Fluss Saleph in der heutigen Türkei ertrank. Als Macht und Einfluss der Ritter im ausgehenden Mittelalter schwanden, trat auch die Kunst des Schwimmens endgültig in den Hintergrund. Die erstarkende Kirche erließ zudem Bade- und Schwimmverbote und ächtete das Schwimmen als moralisch verwerflich. Schließlich war es mit der Entblößung des Körpers verbunden. Da Badehäuser vielfach zu Bordellen verkamen, wurde Wasser zunehmend mit sexuellen Ausschweifungen in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt fürchtete man eine Ausbreitung von Seuchen wie Pest, Cholera und Syphilis durchs Wasser.

Diese Stigmatisierung des nassen Elements führte zu allerlei Legendenbildung um Seeungeheuer und Dämonen. Fortan galt Wasser als gefährlich. Schwimmanlagen verschwanden zusehends, und es wuchsen Generationen von Nichtschwimmern heran. Ertrinken wurde zu einer häufigen Todesursache.

Das Schwimmen erfährt eine Renaissance

Das Wissen um die Kulturtechnik des Schwimmens überlebte in Überlieferungen, und gelehrte Persönlichkeiten sprachen sich weiterhin dafür aus, das Schwimmen zu lehren. So war der Ingoldstädter Professor und Humanist Nikolaus Wynmann davon überzeugt, dass ein Tod durch Ertrinken in vielen Fällen vermeidbar wäre. Seiner Zeit voraus, veröffentlichte er 1528 das erste Schwimmlexikon der Welt „Colombytes“. Es landete umgehend auf dem Index librorum prohibitorum, der Liste der von der katholischen Kirche verbotenen Bücher.

Erst im ausgehenden 17. Jahrhundert bekam das Schwimmen als Körperertüchtigung langsam wieder Auftrieb. Aufklärer wie der Engländer John Locke und der Franzose Jean Jacques Rousseau legten hierzu den Grundstein. In Deutschland machte sich der Philanthrop Johan Guts-Muths dafür stark, Schwimmen zum festen Bestandteil der Erziehung zu machen. Er schrieb: „Bisher war Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht in Mode ist.“ Sein 1798 erschienenes Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst wurde wegweisend für die späteren Versuche der Halloren, das Schwimmenlernen zu methodisieren. Halloren nannte man die Salzbergwerksarbeiter aus Halle, die auch oft als Fischer und Schiffer arbeiteten. Aus Erfahrung hatten sie gelernt, dass man in der stark salzhaltigen Sole leichter schwimmen konnte. Sie brachten ihren Kindern schon früh das Schwimmen bei und machten ihre Schwimmkenntnisse auch breiten Bevölkerungsschichten zugänglich.

Es war der Beginn einer neuen Kultur. Die Menschen trauten sich wieder ins Wasser, und zum ersten Mal seit dem Niedergang der römischen Bäderkultur wurden in West- und Mitteleuropa wieder öffentliche Badeanstalten gebaut. Dabei waren die Engländer mit den Seebädern Brighton oder Hastings die ersten, welche die Bedeutung öffentlicher Badeanstalten wiederentdeckten.

1793 eröffnete in Frankfurt am Main die erste öffentliche Badeanstalt in Deutschland. Im selben Jahr nahm das erste deutsche Seebad in Bad Doberan seinen Dienst auf. Bevor jedoch das Schwimmen zur Freizeitbeschäftigung für alle wurde, sollten noch weitere 200 Jahre vergehen. Die Seebäder blieben vorerst der Oberschicht vorbehalten. Man blieb unter sich und badete im Sichtschutz von Badekarren.

Schwimmunterricht fand erstmals ab 1810 als Massenunterricht, zunächst in Militärschulen, statt. Dabei wurden zunächst vor allem die Trockenübungen an Geräten ausgebaut. Erst 1925 gelang die Loslösung von dieser mechanistischen Sicht des Schwimmenlernens durch Kurt Wiessner. Der Verfechter des gerätelosen Schwimmunterrichts räumte der Wassergewöhnung wieder einen höheren Stellenwert ein. Er ließ die Schüler die Übungen schwungvoll und von Beginn an im Wasser ausführen und gilt daher heute als Wegbereiter der modernen Schwimmausbildung.

Für Frauen galt Schwimmen noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts als unschicklich. Wenn es dennoch geschah, dann meist dick verhüllt. Erst nachdem mehrere Frauen aufgrund ihrer vollgesogenen Kleidung ertrunken waren, nahm man Abstand von dieser gefährlichen Praxis. Die Bademode wurde zweckdienlicher.

28. Juli 1912, Ostseebad Binz auf Rügen. Es ist ein strahlend schöner Sommertag. Auf der stattlichen Seebrücke drängen sich über 1000 Männer, Frauen und Kinder, raus geputzt im Sonntagsstaat. Sie warten gespannt auf die Ankunft des Bäderdampfers Kronprinz Wilhelm, der jeden Moment am Brückenkopf festmachen muss. Plötzlich geht alles ganz schnell. Erst ein lautes Krachen, dann Schmerz- und Hilfeschreie. Unter der Last der drängenden Menge bricht der hölzerne Anleger und reißt über 100 Menschen mit in die Ostsee. Die wenigsten von ihnen können schwimmen. Die Matrosen der kaiserlichen Marine reagieren schnell. Dennoch, am Ende ertrinken 17 Menschen, darunter fünf Kinder, in der Ostsee. Als Reaktion auf das „Drama von Binz“ wird etwa ein Jahr später in Leipzig ein Verein gegründet, der das Ziel hat, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Es ist die Geburtsstunde der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, der DLRG.